Eine Ode an die Aufopferung

Es ist wieder einmal mitten in der Nacht und wieder einmal bin ich auf dem Nachhauseweg eine Station früher ausgestiegen, um meinen alkohol- und THC-induzierten Heißhunger noch durch einen Döner zu stillen. Interessanter Weise tritt dieser verlässlich immer erst dann auf, wenn mein Weg auf die letzten paar Reiseminuten zusammengeschrumpft ist. Sind wohl schon neurale Verbindungen in meinem Gehirn entstanden, welche auf die Parameter „Besoffen + stoned + nachts auf dem Weg nach Hause“ mit der Aufforderung „Zeit für einen üppigen Snack“ antworten.

In meiner Tempelhofer Gegend gibt es zwar einige Dönerläden, aber nur einer hat als stete Konstante bis in die tiefste Nacht geöffnet. Sogar um 5 Uhr morgens habe ich hier noch etwas bekommen. „Neue Döneria“ verkündet die Leuchtreklame den Namen des Fresstempels, daneben das Bild einer Wasserstoffblondine, die, Photoshop sei danke, mehr oder weniger physikalisch realistisch einen Dönerteller in der Hand hält, dazu der Spruch „Mhh, lecker“. Ein Marketinggenie war da wohl nicht am Werk, aber auf eine fast schon kitschige Art ist das Ganze auch sympathisch.

Also so schnell wie eben noch möglich den beleuchteten Anlaufpunkt nächtlicher Wanderer betreten, „Einen Döner bitte“, dann heißt es warten. Hinter dem Tresen steht immer der selber ältere Herr, weiße Haare, vielleicht um die 50, den ich auch jetzt wieder dabei beobachte, wie er den Fleischspieß näher an den Grill heranschiebt und sich den Schweiß von der Stirn wischt. Mager ist er, ein paar Kilos mehr würden ihm schon gut tun. Ich darf das sagen, ich war früher selber ziemlich knochig und fühle mich viel besser, seitdem fettbedingte tektonische Verschiebungen dem Dschungel meiner Bauchbeharrung die angemessene optische Präzens auf der Karte meines Körpers geben.

Generell habe ich Mitleid mit ihm. „Die ganze Nacht durch in einem heißen, fettigen Laden stehen und Halbleichen Gemüse und Fleisch im Brot servieren“ steht wirklich nicht weit oben auf der Liste der Sachen, mit denen man gerne seine Zeit verbringt. Oder vielleicht doch? Nein, wirklich glücklich sieht er nicht aus. Ein bisschen schäme ich mich. Immerhin bin ich ja einer der Gründe, die ihm dieses Schicksal auferlegt haben. Oder wäre es noch schlimmer, wenn ich nicht kommen und seine Aufopferung damit noch ihrem Sinn berauben würde? Lohnt es sich überhaupt finanziell, so lange geöffnet zu haben? Scheinbar ja schon, auch wenn ich zu diesen Zeiten meist allein mit ihm bin.

Was ist, wenn er eine Familie hat? Er sieht schon nach Familienvater aus, eventuell sogar schon Großvater. Findet er dann noch Zeit für sie? Nehmen wir mal an, er verrichtet von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens seinen Dienst. Dann muss er entweder danach noch aufbleiben, um das Blut von seinem Blut nach dem Aufstehen zu begrüßen, oder er geht direkt schlafen und steht dann nachmittags erst wieder auf. Obwohl, wenn, dann wären seine Kinder wohl schon so alt, dass sie nicht mehr bei ihm wohnen. Das erste Szenario würde höchstens Sinn machen, wenn seine Enkelkinder bei ihm unterkommen würden.

Aber was ist mit seiner Frau, auch vorausgesetzt, dass er eine hat. Für die wär das sicher auch nicht geil, wenn die Schlafrythmen so komplett asynchron sind. Oder hat sie sich ihm einfach ange…?

„Soße?“ reißt es mich aus meinen Gedanken. Kräuter und Knoblauch bitte, selten auch etwas Scharf, aber das ist wirklich die Ausnahme. Und ja, Salat komplett, dankeschön. Vor meinen Augen nimmt mein Essen Gestalt an.

Vielleicht sollte ich ihn ja einfach mal fragen, wie das so ist, diesen einsamen Posten zu bemannen. Ach ne, lieber nicht. Oft beobachte ich Menschen lieber, als mit ihnen zu sprechen. Ist zu oft langweilig oder einfach belanglos. Wobei ich an dieser speziellen Konversation ja doch Interesse zeigen würde.

Aber da ist mein Döner auch schon fertig. Danke sehr, noch kurz bezahlen, manchmal auch etwas Trinkgeld. Schönen Abend noch. Dass Abend von der Zeit her nicht ganz passt, vergesse ich direkt wieder, als ich meine Zähne in den Fladen versenke. Ist schon lecker. Lustigerweise gehe ich tagsüber auch eher zu anderen Läden, da der Döner hier dann schlechter ist. Ob mein Nachtwächter wohl mehr Liebe reinpackt als die Kollegen in Akkordarbeit am Tag?

In meiner Wohnung angekommen stellt sich dann nur noch die Frage, ob ich das letzte Drittel jetzt noch verspeise oder in den Kühlschrank lege und zum Frühstück genieße. Kalter Döner klingt zwar erstmal nicht so geil, ist aber tatsächlich ganz ansprechend. Liegt vielleicht auch am Kater, der mich morgen wahrscheinlich wieder heimsuchen wird. Und so sinke ich ins Bett und danke noch ein letztes Mal dem heimlichen Helden meines Tages.

Eine Kerze im Sumpf

Der Regen prasselt mir hart ins Gesicht, aber ich nehme es kaum wahr. Das unablässige Plätschern der Regentropfen schluckt alle anderen Geräusche, die es geben könnte, doch selbst wenn da sonst noch etwas wäre, würde ich es auch nicht wahrhaben können. Alles, worauf mein Gehirn sich konzentrieren kann, ist der unglaubliche Schmerz in meiner Seite und der Gedanke daran, dass ich gescheitert bin.

Der Stadtteil, in dem ich aufgewachsen und dem ich auch Zeit meines Lebens treu geblieben bin, war schon immer nicht die freundlichste Gegend. Eigentlich wollten meine Eltern woanders hinziehen, als meine Mutter schwanger wurde, aber sie hatten nicht genug Geld für ein Leben in einer besseren Umgebung, und so haben sie stattdessen versucht, die schlechten Seiten, die Straßengangs, die Schutzgelderpresser und die korrupten Polizisten, vor mir zu verstecken oder sie zu relativieren, falls dies nicht möglich war. Und da die Eltern für ein Kind nun einmal ein Quell absoluter Wahrheit sind, bin ich recht glücklich und so behütet, wie es unter diesen Umständen eben möglich war, durch meine Kindheit gegangen. Die wenigen Sachen die ich mitbekam und die einfach nicht zu dem Bild einer friedlichen, harmonischen Welt passen wollten, haben wir uns schön geredet oder ganz einfach ignoriert. Erst, als ich älter wurde und dementsprechend begann, die Welt und meine Eltern zu hinterfragen, wurde mir die tatsächliche Realität klar. Ich führte lange Gespräche mit meinen Eltern über das Wesen von Gut und Böse, warum die Welt hier so ist, wie sie eben ist, und wie wichtige es ist, sich gerade an einem Ort wie diesem nicht den Verführungen der Schatten hinzugeben, sondern sich das Licht in seinem Innerem zu bewahren und so viel davon, wie möglich ist, nach außen zu tragen.

Als ich gerade neunzehn Jahre alt war, änderte sich alles. Die Tochter einer Freundin meiner Mutter wurde bei einer Schießerei zwischen zwei Gangs von einem Querschläger erschossen. Niemand wurde verurteilt, und bald darauf beging die Freundin, nicht in der Lage, diesen größten aller Verluste zu verkraften, Selbstmord. Beides zerbrach auch etwas in meiner Mutter, und letztendlich konnte sie keinen Moment länger mehr hier bleiben. Meine Eltern kratzten, liehen und erbettelten sich alles Geld zusammen, an das sie kommen konnten und zogen in eine andere Stadt. Mich wollten sie auch mitnehmen, doch ich hatte andere Pläne. Wo meine Mutter endgültig vor der so sinnlosen Brutalität kapitulierte, brachte mich dieses Ereignis im Gegenteil dazu, meine Stadt zu einem besseren Ort machen zu wollen.

So entschied ich mich schließlich dafür, Polizist zu werden. Schon bevor ich meine Ausbildung begann war mir klar, dass viele meiner späteren Kollegen nicht nur auf staatlicher Gehaltsliste, sondern auch auf jenen von verschiedenen kriminellen Organisationen standen. Aber der Funke der Hoffnung und des Lichtes brannte so stark wie niemals zuvor oder danach in mir, so dass ich mir einbildete, dass mir alles gelingen könnte, und ich in genug andere Leuten ebenfalls ein Feuer entzünden könnte.

Einige Jahre später war ich verbittert, dem Alkoholismus nahe und beinahe zu dem geworden, was ich ursprünglich bekämpfen wollte. Denn aller Idealismus brachte nichts gegen die harsche Wirklichkeit, hatte mir nur Drohungen, Versetzungen und die ein oder andere heftige Tracht Prügel eingebracht. Ein Mordversuch wurde, so glaube ich zumindest, auch auf mich unternommen, wofür ich allerdings nie stichhaltige Beweise fand. Schließlich hatte ich resigniert. Auch ich nahm jetzt Geld, um in die andere Richtung zu schauen, und nachts versuchte ich dann, mich und meine Schuld mit Whiskey und Wodka zu ertränken. Bis heute weiß ich nicht, warum ich nicht spätestens dann auch einfach weggezogen bin, um all das hinter mir zu lassen und irgendwohin zu gehen, wo meine Überzeugungen praktisch anwendbar waren. Aber das wäre mir wohl wie Aufgeben vorgekommen.

Aus dieser Verzweiflung und Apathie zerrte mich schließlich ein weiteres Grab eines Kindes. Alles lief wie damals ab, Querschläger, keine Verurteilungen, keine Gerechtigkeit. Nur war ich diesmal selber Teil des Versagens. Ich erwachte wie aus einem Koma, bearbeitete den Fall, fand die Täter und ausreichend Beweise. Doch Gelder flossen und Hände wurden geschüttelt, und am Ende geschah wieder nichts außer dem Umstand, dass ich auf unbestimmte Zeit suspendiert wurde. Kurz stand ich wieder an jenem tiefen Abgrund, doch diesmal schreckte ich nicht vor ihm zurück. Stattdessen nutze ich ihn auf die einzige Weise, welche sich mir damals darbot.

Eine Woche später war der Schütze des Querschlägers tot, und weitere zwei Wochen später der Rest seiner Gang. Noch hatte man nicht die Verbindung zwischen mir und diesen Taten gezogen, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis man mich als Täter ausmachte. Aufgrund dieser Tatsache und der perversen Befriedigung, welche mir diese Selbstjustiz eingebracht hatte, verließ ich die Öffentlichkeit und lebte seitdem in Schatten gehüllt. Ich legte mir Verstecke und sichere Häuser zu, sammelte die Waffen und Munition meiner Opfer und rüstete mich mit immer besserer Ausrüstung aus, wo auch immer sich eine Chance bot, diese zu erhalten.

Teilweise versuchte ich auch dann noch, auf dem Weg des offiziellen Rechtes gegen den Abschaum vorzugehen. Ich legte Akten an, sammelte Beweise, und gelegentlich spielte ich diese dann zusammen mit gefangenen Kriminellen der Polizei und Justiz zu. Doch wieder einmal merkte ich, dass dies nichts brachte. In den wenigen Fällen, in denen aufrichtige Polizisten, Anwälte und Richter tatsächlich für Inhaftierungen sorgten, waren die Betroffenen nach wenigen Monaten oder gar Wochen wieder auf freiem Fuß und machten dort weiter, wo sie aufgehört hatten. Und auch, wenn ich es mir nie eingestanden habe, mögen die von mir Getöteten natürlich keine weiteren Schandtaten vollbracht haben, aber ihre Plätze im System wurden einfach von anderen Leuten wieder besetzt und das Geschäft lief fast wie zuvor weiter.

Verletzt wurde ich mehrfach. Reine Willenskraft mag einen Menschen erstaunliches vollbringen lassen, doch vor der teils so beliebigen Zufälligkeit eines Kampfes kann auch diese nicht schützen. Bisher war aber alles oberflächlich genug, dass es mich nicht aufgehalten hat. Bis heute. Ironischerweise war es ein Querschläger, abgefeuert aus der Pistole des letzten Mannes einer Motorradgang, gerade als ich ihn mit einer Ladung Schrot füllte, der sich tief in meine Seite gefressen hat. Bis hierhin, unter den regenverhangen Himmel, habe ich mich noch schleppen können. Doch der Schmerz lässt mich nicht weiter, und ich spüre meine Kräfte schwinden.

Meine Eltern haben versucht, mich als Kind auf grünen Wiesen zu halten, und für den Fall, dass ich doch einmal mit den Füßen im Schlamm landen sollte, hatten sie mir ja Gummistiefel angezogen, damit er sich dann schnell wieder abwaschen lässt. Später ist mir dann klargeworden, dass der Sumpf weit größer und mächtiger war, als sie mich hatten glauben lassen wollen. Wahrscheinlich hätte ich mit ihnen gehen sollen, um nicht zu versinken. Stattdessen versuchte ich alleine, den Morast trockenzulegen, und merkte nicht, wie ich dabei selber immer tiefer und tiefer in den schleimigen Matsch rutschte. Doch ich fühlte mich moralisch gerechtfertigt und bildete mir ein, es sei in Ordnung, schmutzig zu werden, um den Schmutz zu säubern. Und nun? Nun blute ich meinen letzten Lebenshauch in den schlammigen Untergrund, der mich bald vollständig umschließen wird, um bald wieder genauso wie zuvor auszusehen, ohne Hinweis auf mein Wirken und Werken.

Doch wie eine Kerze verlischt, bleibt die Hoffnung, dass sie zuvor eine andere entzündet hatte.

Ein göttlicher Auftrag

Langsam torkelte Ben die Straße entlang und schwor sich zum wiederholten Male, nie wieder einen Tropfen Alkohol zu trinken. Oder endlich einmal zu lernen, wo sein Limit war. Dabei lief heute eigentlich alles ganz gut. Er und die Jungs hatten sich zunächst bei ihm zuhause getroffen und mit etwas Bier vorgeglüht, bevor sie dann ins Kino gegangen waren. Auch die mit in den Kinosaal geschmuggelte Flasche Vodka hatte er noch gut überstanden. Danach waren sie dann allerdings noch in ihre Stammkneipe gegangen, und irgendwo zwischen dem dritten Gin Tonic und zweiten Mexikaner hatte er dann eben jenes Limit überschritten. Nachdem er sich auf der Toilette ausgiebig ausgekotzt hatte, hatte er sich noch kurz sein verdientes Gelächter abgeholt und sich dann auf den Weg zur S-Bahn gemacht.

Und obwohl er so schnell wie möglich nach Hause und ins Bett kommen wollte, musste er vorher doch noch einem Ruf der Natur folgen. Glücklicherweise war auch direkt etwas Natur in Form eines kleinen Parks vorhanden, und so lehnte er sich so elegant wie möglich an einen Baum an und ließ laufen.

Weil ihm aber die Betrachtung seines bereits vergleichsweise langanhaltende Pissstrahl langweilig wurde, raffte er sich motorisch und geistig gerade genug zusammen, um einen Blick rund durch diesen kleinen Park zu werfen. Und das war der Moment, an dem er Gott begegnete.

Michael hatte zwar durch Radio und Internet bereits einiges gehört und gelesen, und dennoch wollte er seinen Augen nicht ganz trauen. Überall standen und saßen Menschen, viele in einfachen hell-blauen Roben, den Blick meist stur in eine gewisse Richtung gewandt, und dazwischen waren noch ein paar Polizisten und Journalisten eingestreut. Vor lauter Körperteilen konnte er kaum noch den Rasen erkennen, als er sich seinen Weg durch die Menge bahnte, hin zu dem weißen Partyzelt, welches prominent an einer Seite des Parks thronte. Und natürlich standen vor dem Eingang in der Seitenwand ein breiter Mann und eine noch breitere Frau, welche ihm prompt die Hand auf die Brust setzte.

„Keinen Schritt weiter. Der Prophet möchte nicht gestört werden“.
„Der Prophet? Wirklich? Hat er sich selber so genannt oder habt ihr ihm den Namen aufgedrückt?“.
Die Augenbrauen der Frau fingen an, heftig zu zucken, und ihr Gesicht nahm eine unangenehm rote Farbe.
„Okay, okay, ganz ruhig, Lady. Sagt eurem Propheten einfach, dass Michael da ist und mit ihm sprechen will“.
Abschätzig musterte sie ihn noch einmal von Kopf bis Fuß, dann nickte sie ihrem Partner zu, der daraufhin im Zelt verschwand.
„Steht ihr den ganzen Tag hier? Gestern hat es ja ziemlich geregnet, das war bestimmt nicht so geil für euch“, versuchte Michael, eine Konversation anzustrengen, erhielt als Antwort aber nur einen eisigen Blick. Zum Glück trat Wachdrohne #2 schon wieder aus dem Zelt und nickte ihnen beiden zu. Michael setzte ein selbstgefälliges Lächeln auf und wollte schon losgehen, doch plötzlich umklammerte der weibliche Berg noch einmal seinen Arm.
„Leibesvisitation“, sagte sie mit einem sehr zufriedenen Gesichtsausdruck.

Nachdem er noch diese gefühlvoll durchgeführte Prozedur über sich ergehen lassen hatte und dabei sein geliebtes Taschenmesser aufgeben musste („Wiedersehen macht Freude“) wurde ihm endlich der Eintritt ins Zelt gewährt. Drinnen befanden sich lediglich ein paar Campingstühle, und in einem von diesem saß Ben, der nicht einmal aufblickte, als er eintrat, so sehr war sein Blick auf ein Objekt wenige Meter vor ihm gerichtet, welches er durch einen offene Lasche im Zelt betrachtete.

„Ben“.
„Michael. Wie schön, dass du hier bist. Komm, nimm dir einen Stuhl“.
Michael tat, wie ihm geheißen, positionierte sich schräg zu Bens Seite und blickte seinen Freund besorgt an.
„Okay, willst du mir jetzt mal erklären, was dieser ganze Scheiß hier soll? Seit zwei Wochen hast du wirklich nichts besseres zu tun, als dieses Dixiklo anzustarren?“.
„Du verstehst das nicht, Michael. Gott hat mich zu diesem Dixi geschickt“.
„Das habe ich auch schon aus den Nachrichten mitbekommen. Nur, dass es halt überhaupt keinen Sinn macht. Komm schon, du hattest noch nie etwas für Religiosität über, geschweige denn Gott. Ist das einfach wieder einer deiner Scherze?“.

Ben schwieg für eine Weile, bevor er schließlich nachdenklich, aber bestimmt antwortete: „Du hast Recht, ich habe eigentlich nichts für Religion über. Und hättest du mir vor zwei Wochen erzählt, wo ich heute bin, hätte ich nicht mehr getan als dich herzlich auszulachen. Aber … ich kann es nicht einmal mit Worten beschreiben. Es war Gott, Michael. Er hat mich mit einer Mission betraut, und ich werde ihn nicht enttäuschen“.

Michael blies die Backen auf und verfluchte kurz die Situation, in der er schon wieder gelandet war. Eingehend betrachtete er seinen Freund. Ben mochte zwar durchaus ein Faible für abstruse und übermäßig lang gezogene Scherze haben, aber das hier war eine ganz andere Kategorie. Und am erstaunlichsten war Bens völlige Ernsthaftigkeit. Normalerweise war da immer ein versteckter Schimmer von Verschmitztheit, ein hauchfeines Lächeln um seine Mundwinkel, egal, wie sehr er gerade in seiner Rolle aufging. Doch dieses Mal war da nichts. Noch nie zuvor hatte er Ben so komplett von einer Sache überzeugt gesehen.

„Also angenommen, nur mal hypothetisch angenommen, Gott hat dich wirklich zu diesem Dixi geschickt. Was ist dein Endgame, dein Plan, dein Ziel? Ich meine, du starrst jetzt seit zwei Wochen nahezu unentwegt auf dieses Scheißhaus. Schön und gut, aber wie geht es jetzt weiter?“.
Und zum ersten Mal am heutigen Tage riss Ben seinen starren Blick von dem hypnotisierenden Blau los und blickte Michael an. „Ich weiß es nicht“, antwortete er mit einer erschütternden Verzweiflung in seiner Stimme, bevor er den Blick wieder nach vorne wandte. „Warum glaubst du, dass ich nur so vor mich hin starre? Weil ich nicht weiß, was ich machen soll. Machen muss. Seit zwei Wochen zerbreche ich mir den Kopf darüber, was es mit diesem Ding auf sich hat, und warte auf eine Eingebung, die mir den weiteren Weg nach diesem ersten Schritt mitteilt. Und nichts passiert. Aber wenn es sein muss, werde ich alle Zeit der Welt warten, um es zu erfahren“.
„Also ist alles, was du weißt, dass dieses Dixi irgendeine Bedeutung hat?“.
„Ja“.
„Und Gott hat dich zwar auf dieses Dixi hingewiesen, aber dir nicht gesagt, was genau du damit anfangen sollst?“.
„Ja“.
Michael lehnte sich resigniert zurück, und für ein paar Minuten schwiegen sie.

„Ich weiß ja nicht, wie es dir geht“, hob Michael schließlich wieder an, „aber ich brauche jetzt erst einmal nen Bier. Und ich glaube, du könntest auch eins vertragen. Es sei denn, Gott hat etwas dagegen“.
Zum zweiten Mal heute blickte Ben ihn an, und diesmal konnte man definitiv ein kleines Lächeln erkennen.

Einige Zeit später.

„… und sie streiten noch immer jedes Mal darüber, wer mir den Arsch abwischen darf“, brachte Ben gerade noch japsend hervor, woraufhin Michael von Lachkrämpfen geschüttelt auf den Boden fiel. Er selber überließ sich ebenfalls einer beeindruckenden Darstellung seiner Amüsiertheit, bevor seine Augen wieder von dem tristen Blau des Chemieklos angezogen wurden und ihm das Lachen daraufhin zwangsläufig im Halse stecken blieb. Michael blieb noch kurz freudig glucksend liegen, bevor er sich aufrichtete, wieder in seinen Stuhl setzte und zwei neue Bierflaschen öffnete.

„Ich bin nur froh, dass du mir mein Taschenmesser wieder beschafft hast“, sagte er, als er den Flaschenöffner wieder einklappte, „ich selber hätte mich diesem Monstrum nie stellen können. Noch so ein Vorteil, mit einem Propheten befreundet zu sein“.
„Du nimmst das immer noch nicht ernst, oder?“, sagte Ben so ernst, wie nur jemals ein Mensch etwas ernst gesagt hatte.
Das war nicht ganz so krass, wie einen Eimer kalten Wasser in den Schritt geschüttet zu bekommen, aber in der Wirkung für Michael doch recht ähnlich.
„Es ist einfach … ein göttlicher Auftrag, ein Dixiklo zu beobachten? Du musst selber zugeben, dass das schwer zu schlucken ist“.
„Du hast uns doch neulich erst diese Geschichte mit der Giraffe erzählt. Mit dem Giraffenkopf in der Querstraße, der dich auf einmal anspricht“.

Michaels Gesicht verdüsterte sich. Er konnte sich noch sehr lebhaft an die Situation erinnern, und auch an die Frau, welche von dem Blumentopf getroffen wurde und dann verständlicherweise eine Schadensersatzklage angeleiert hatte, was ihm und seinem nicht übermäßig gefülltem Bankkonto immer noch einiges an Sorgen bereitete.

„Natürlich haben wir dir das nicht geglaubt, auch ich nicht. Das klang einfach zu sehr nach einer drittklassigen, sinnlosen Kurzgeschichte irgendeines mäßig talentierten Germanistikstudenten. Und …“, an dieser Stelle ergriff Ben plötzlich ein heftiger Hustenanfall. Nahezu sofort öffneten sich daraufhin mehrere Seiteneingänge, und die Wachdrohnen sowie mehrere blau-gewandte Helfer wollten eintreten, um ihrem Propheten nach besten Möglichkeiten zu helfen. Ben wedelte aber, von Hustenkrämpfen geschüttelt, nur mehrmals mit der Hand, um sie wieder wegzuschicken. Zwar traten sie daraufhin nicht ein, hielten aber trotzdem die Zeltlaschen offen und beobachtete weiter die Lage, abwartend, ob Bens Zustand sich weiter verschlechterte. Michael war etwas besorgt, teils um Ben und teils um sich selber, da er deutlich den bohrenden Blick der Türsteherin, mit der er sich so trefflich verstanden hatte, auf sich spürte. Doch nach einigen Sekunden legte sich der Husten wieder, und Ben bedeutete ihnen erneut, zu verschwinden, was nun auch vollends befolgt wurde. Er nahm noch einen Schluck Bier und sprach dann weiter:

„Seltsam, wo kam das denn her? Naja, wo war ich?“.
„Drittklassiger Germanistikstudent“, half Michael ihm auf die Sprünge und spürte dabei ein kurzes, unangenehmes Ziehen im Magen.
„Danke. Also, was noch viel wichtiger ist: Deine Story war schlicht und ergreifend unmöglich. Giraffen materialisieren sich nicht einfach aus dem Nichts, und was sie absolut nicht können, ist sprechen. Also haben wir halt über dich und deine Story gelacht und dann nicht mehr viele Gedanken daran verschwendet. Und nicht einmal einen Monat später werde ich von Gott sehr bestimmt auf dieses chemische Scheißhaus hingewiesen. Und es macht keinen Sinn. Seit zwei Wochen versuche ich, irgendeinen Sinn hinter dieser Sache zu finden, und bis jetzt war ich erfolglos. Aus jedem Winkel habe ich mir sowohl meine Lage an und für sich als auch das Dixi angeguckt. Nichts. Doch das Wichtige ist, dass ich dir jetzt glaube. Ich verstehe jetzt, wie es dir ging, als niemand von uns dir geglaubt hat, weil mir selber niemand geglaubt hat“.
„Dafür, dass dir angeblich niemand glaubt, hängen da draußen aber ne Menge Leute rum“, entgegnete Michael. Ihm gefiel ganz und gar nicht, ich welche Richtung das Gespräch sich entwickelte. Ben lächelte nur matt.
„Denkst du wirklich, dass Sarkasmus gerade der richtige Weg ist? Diese Leute da draußen sind uninteressant. Sie sind blind, sie folgen mir nur, weil ich von etwas höherem berührt wurde, ohne es nachvollziehen zu können. Es geht um dich, Michael. Du hast selber erlebt, wie das Unmögliche möglich wird, und dennoch verschließt du dich immer noch. Aber ich brauche dich. Ich brauche deine Hilfe. Ich glaube, dass du der Schlüssel zu meinem Problem bist“.
„Wie zum Teufel soll ich dir denn helfen? Ich versteh ja selber nicht, was los ist. Und du sprichst ziemlich viel von glauben, glauben, glauben. Du weißt, dass ich noch atheistischer bin als du? Also in Bezug auf von vor zwei Wochen, mittlerweile ist das ja ziemlich offensichtlich“.
„Bei Glauben geht es nicht ums Verstehen. Glaube ist einfach. Er muss nicht rational oder begründet sein. An unserer Situation ist nichts rational. Aber trotzdem existiert sie. Und du solltest langsam einmal anfangen, dich damit zu arrangieren, denn ich habe das Gefühl, dass es nicht bei diesen beiden Sachen bleiben wird“.

Erwartungsvoll blickte Ben Michael an. Er hatte seine Würfel geworfen, und jetzt kam es darauf an, wie diese fallen würden. Zehn Sekunden verstrichen, dann zwanzig, dann eine Minute.
„Ok“, antwortete Michael schließlich, „du hast mich überzeugt. Gratulation“.
Michael fiel ein Stein vom Herzen. Er mochte zwar völlig von sich selbst überzeugt auftreten, aber innerlich war er die letzten zwei Wochen ziemlich verwirrt gewesen. Er konnte einen Freund an seiner Seite gut gebrauchen.
„Und ich weiß auch schon, was wir als nächstes machen werden“, sagte Michael mit einem aufblühendem, breitem Grinsen.
„Wirklich, so schnell schon?“.
„Nun, meiner bescheidenen Meinung nach ist ein Dixiklo für genau zwei Sachen gut. Die eine ist, dass man es als Klo benutzt“.
„Und die andere?“, fragte Ben.
„Ich glaube, dass weißt du ganz genau“, antwortete Michael, dem das Grinsen nun über das ganze Gesicht ging.

Mit einem dumpfen Schlag prallte das Plastikhäuschen auf dem Boden auf, und äußerst befriedigt lauschten Michael und Ben noch eine Weile, wie sich die schleimige Brühe auf dem Boden verteilte.
„Und was machen wir jetzt?“.
„Jetzt suchen wir uns eine schöne Bar und trinken einen auf Gott und alle Dixis dieser Welt“.

Eine couragierte Diskussion in der U-Bahn

„Dreckskanaken. Verpisst euch wieder in eure Wüste!“.
Ich blicke von meinem Buch auf. Seit einer guten Minute geht das jetzt schon so. Anfangs konnte ich es ja noch ganz gut ignorieren, langsam wird es aber penetrant. Kurz blitzt vor meinem inneren Auge das Bild auf, wie ich der alten Schabracke mit einer abgesägten Schrotflinte das Maul stopfe und den kümmerlichen Inhalt ihres Schädels über die Fenster der U-Bahn hinter ihr verteile. An den Gesichtern rund um mich herum kann ich erkennen, dass es einigen anderen genauso geht.
„Geht doch wieder eure Kamele ficken, ihr scheiß Ziegenficker“.
In einem Gesicht meine ich aber sogar Zustimmung zu erkennen. Gott, und dieses gackernde Lachen. Ich versuche es weiter mit Lesen.
„Ihr Missgeburten, was kommt ihr denn hierher? Wollt euch doch nur in die Luft sprengen. Gwahahaha“.
Ich muss wieder hochblicken. Die Worte der alten Frau scheinen mittlerweile auch Wirkung zu zeigen. Zwei Araber einige Sitze weiter, scheinbar die Ziele dieses verbalen Durchfalls, stehen auf, machen einige vulgäre Handbewegungen in Richtung der Hexe und laufen den Waggon entlang weg von uns.
„Wird aber auch Zeit ihr Kamelficker. Verpisst euch, verpisst euch, VERPISST EUCH!“.
Sie wirkt jetzt wahrhaftig wie ein Monster, doch nach diesem letzten Ausbruch und dem Erreichen ihres Zieles beschränkt sie sich nun darauf, leise vor sich hin zu zischen. Dafür fängt das Paar mir gegenüber jetzt an, sich ebenfalls politisch zu unterhalten.
„Also der Ton ist natürlich etwas aggressiv, aber grundsätzlich hat sie ja Recht“, sagt die Frau, scheinbar so Anfang 30, und ihr etwas ältere Partner nickt zustimmend. Die anderen Leute in diesem Abschnitt des Wagens machen halt, was man in der U-Bahn so macht – desinteressiert sein, Nase ins Smartphone und die Ohren so gut es geht auf Durchzug stellen.
„Ich meine, wo kommen wir denn hin, wenn wir einfach jeden rein lassen?“, richtet sich der Mann an seine Frau, doch es wirkt eher wie an uns alle gerichtet. Na gut.
„In eine offene, liberale und multikulturelle Gesellschaft, von der wir alle sowohl als Einzelperson als auch in der Gruppe profitieren können, vielleicht?“, beantworte ich die Frage so ehrlich wie möglich. „Ach ne, sorry, sie sorgen ja dafür, dass so etwas bloß nicht passiert. Lieber Vorurteile und Hass schüren, das hat in der Geschichte bis jetzt ja immer hervorragend funktioniert“.
„Ich kann mich nicht entsinnen, sie gefragt zu haben“, giftet mich der Mann im Gegenzug nach einer kurzen Schrecksekunde an. Dem hat wohl noch nie jemand widersprochen.
„Sie haben aber definitiv eine Frage gestellt, und ihr Tonfall hat recht eindeutig impliziert, dass sie sich damit nicht nur an ihre Gefährtin gewandt haben. Wahrscheinlich haben sie nur um Aufmerksamkeit und Zustimmung gegeiert. Aber man muss euch Faschos ja zumindest rhetorisch mal auf die Fresse geben“.
Die Frau kreischt pikiert auf, und die Stirn des Mannes gerät derartig in Bewegung, dass ich glaube, ihm könnte eine Ader platzen.
„Was erlauben sie sich denn?“, braust er nun auf, „nur, weil man die Dinge also beim Namen nennt, ist man also gleich Faschist? Wegen Leuten wie ihnen geht dieses schöne Land vor die Hunde“.
„Nein, wegen Leuten wie ihnen geht die ganze Welt vor die Hunde. Statt die eindeutig bestehenden Probleme einfach anzugehen, flüchten sie sich lieber in eine die Verantwortung abgebende Denkweise, und schaffen dabei nebenbei noch einen Haufen neuer Probleme. Aber Schuld sind immer nur die anderen, und man selber nur besorgter Bürger“.
Bevor ich fortfahren kann, unterbricht mich die Frau: „Natürlich bin ich besorgt, wenn ein Haufen Wilder unkontrolliert über unsere Grenzen strömt. Ich muss ja auch an meine Kinder denken“.
„Ah ja, die Kinder. Wachsen bestimmt zu moralisch unfehlbaren Menschen auf, wenn ihnen von zuhause aus Xenophobie und Rassismus eingetrichtert wird. Aber sie haben schon Recht, der ganze Kontakt mit Kindern anderer Herkunft in der Schule hat mich komplett zerstört, ich weiß tatsächlich bis heute nicht, was Hautfarbe für eine Relevanz hat“.
Ich drifte mal wieder zunehmend in den Sarkasmus ab, aber anders kann ich mit solcher Dummheit auch nicht umgehen. Der Mann sieht so aus, als würde ihm gleich Dampf aus den Ohren steigen und öffnet den Mund, doch ich schneide ihm das Wort ab: „Dass die alte Lady da vorne in einer anderen Zeit aufgewachsen ist und sich heute bestimmt auch nicht mehr ändern wird, kann ich ja noch hinnehmen. Aber eure Scheiße muss ich mir nicht geben. Das sind Kriegsflüchtlinge. Die kommen zu uns, weil hier keine Granaten in den Straßen explodieren. Und selbst wenn sie keine sind, warum zum Teufel sollten wir ihnen nicht helfen? Dafür, wie ihr und euresgleichen das christliche Abendland lobt, vergesst ihr aber ganz schön das Ding mit der Nächstenliebe“.
Ich meine zu hören, wie tatsächlich eine Ader platzt. Fast erwarte ich, in den nächsten Sekunden Blut im Mund zu schmecken. Doch während seine Frau anfängt, hysterisch zu kreischen und zu fluchen, blickt er mich nur an. Starr, hasserfüllt und voller Verachtung. Dann steht er einfach auf, greift seine Frau und zerrt sie hinter sich her, den Waggon runter den anderen Braunen hinterher. Zu meinem Erstaunen fangen mehrere Leute um mich herum an zu klatschen. Ich stehe auf, deute eine Verbeugung an und grinse zufrieden.

„Ullsteinstraße“. Die Stationsansage reißt mich aus dem Schlaf. Verwirrt gucke ich mich kurz um, realisiere dann die Situation, greife meinen Rucksack und steige aus. Von den Arabern und der alten Schachtel ist nichts zu sehen, das Paar mir gegenüber sitzt dort immer noch. Sie unterhalten sich leise, aber ich bin zu sehr in Hektik als dass ich verstehen könnte, worüber. Ist wahrscheinlich auch besser so, am Ende rege ich mich sonst bloß wieder auf. Und während sich die Türen hinter mir schließen und die U-Bahn abfährt, frage ich mich, ob ich wirklich solche Eier gehabt hätte. Schön wäre es ja.

Randomshit #5 – Langsam wird ein Schuh draus

Eine neue längere Zugfahrt, ihr wisst, was das bedeutet: Es wird wieder einmal Zeit dafür, den Gedanken freien Lauf zu lassen und sich eventuell an kleineren prosaischen Experimenten zu versuchen. Direkt vorweg muss ich aber auch erst einmal ein Geständnis machen: Diesmal gehe ich tatsächlich mit einer greifbare Intention daran, dieses metaphorische Blatt Papier mit Inhalt zu füllen, bevor wir uns dann später wieder einer mehr oder weniger Sinn ergebenden Verkettung von Buchstaben, Wörtern, Satzzeichen und schlussendlich vollständigen Sätzen widmen. Ich wollte euch wenigen, aber durchaus vorhandenen Fans meines Schaffens (und auch allen anderen, zufällig vorbeigestolperten Lesern) mal ein paar Einblicke in meine aktuellen Gedanken zu meinem Werken gewähren.

Disclaimer: Alles Folgende sind theoretische Überlegungen, welche so stattfinden können, aber nicht zwingend müssen, unless otherwise noted.

Bisher haben meine Geschichten sich ja in einem recht luftleeren Raum bewegt. Heißt, dass alles für sich alleine stand. In Zukunft soll sich dies allerdings ein bisschen ändern und das Vakuum gegen ein konsistentes, sich langsam entfaltendes Universum getauscht werden. Um mal ein Beispiel zu bringen, schreibe ich aktuell an einer Geschichte, in welcher Giraffen-Michael wieder auftaucht und in eine ähnliche absurde Situation geschmissen wird, ohne allerdings unmittelbar Betroffener zu sein. Geplant ist dann, nach und nach mehr und mehr bereits etablierte Personen in diesem gemeinsamen Kosmos zusammenzuführen bzw. natürlich auch weiterhin neue einzuführen. Einen Plothook habe ich in „Ein ganz normaler Mitbewohner“ ja bereits ausgeworfen. Bisher habe ich allerdings noch nicht die allergenauste Ahnung, wo diese Reise am Ende hinführen soll, und gerne würde ich auch weiterhin ein gewisses zufälliges Element beibehalten. Ein paar Ideen habe ich mir allerdings schon gemacht, diese sind allerdings noch zu unausgereift, um hier geteilt zu werden.

Sonst seie hier noch erwähnenswert, dass ergänzend zu „Gerechtes Feuer“ noch thematisch ähnliche Geschichten zu den drei anderen major Elementen geplant und teilweise schon skizziert sind, welche sich im besten Fall dann auch gegenseitig ergänzen. Auch eine Überschneidung mit oben erwähntem Kosmos ist nicht auszuschließen, die Fertigstellung dieser Tetralogie hat aber erst einmal höhere Priorität.

Last but not least: Eventuell schreibe ich demnächst auch etwas über eine geplante Pen&Paper-Runde, bei der ich mich als Spielleiter angeboten habe. Konkret geplant ist da aber noch nichts, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, würde ich sie aber wohl ergreifen.

Jetzt verlassen wir aber mal die gescripteten Passagen und nehmen uns wieder des wahren randoms an. Bin direkt erstmal froh, dass die Polizistin, welche sich in Oldenburg neben mich setzte, bereits wenig später in Bremen wieder ausgestiegen ist. Nichts gegen die Staatsgewalt an sich, aber ich persönlich halte sie doch lieber etwas auf Abstand, soweit/so weit es möglich ist. Bin auch froh, noch nicht meine gerade frisch auf dem Flohmarkt erworbene neue Cap mit rosanem Schirm und fettem, silbernem Weedblättchen vorne und auf dem Sticker sowie dem schlichten Schriftzug „Marijuana“ am Hinterkopf und „Blunt“ an der Seite getragen zu haben. Thrashig, aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und wahrscheinlich wäre das auch wieder völlig egal gewesen, aber wie ich oben schon schön andeutete: Lieber auf Nummer sicher gehen und nichts provozieren.

Was gibt es denn sonst noch so neues? Nachdem mein Opa gegen Ende letzten Jahres gestorben ist, wird es wohl in Zukunft nicht mehr so (relativ) häufig in sein Heimatdorf, den Familienursprung mütterlicherseits, gehen. Und da das Haus ebenfalls verkauft wird, stand dieses Wochenende looten auf dem Plan. Zynisch, ich weiß, aber einen besseren Ausdruck gibt es nicht. Und an und für sich ist es ja auch keine schlechte Sache. Betrachten wir es einfach mal pragmatisch: Was nicht mitgenommen wird, landet im Müll, also lieber so viel wie möglich noch retten. In meinem Fall neben ein paar Erinnerungsstücken hauptsächlich Bücher. Viele Bücher. Man möge mich daran erinnern, mein Lesegame mal wieder upzusteppen, das Material dafür ist jetzt definitiv erst einmal vorhanden. Darunter ein paar klassische Autoren (Fallada, Remarque, Hemingway) sowie auch einige Werke meines Onkels, Axel Klingenberg, die/den ich euch nicht nur wegen der familären Verbindung ans Herzen legen möchte.

Lalilu, die Katze macht dick „Muuuuh“.
Die Kuh guckt darauf ganz schön dumm, drum bringt der Bauer sie schnell um.
PETA macht dann Heckmeck, denn sie leiden unter Flashbacks.
Sind zwar Kiffer aber machen dennoch Stress, und nicht nur bei einem Stresstest.
Echt jetzt, sie mochten die Kuh, die jetzt tief im Grabe ruht.
Sie organisieren Sitzblockaden, schreiben seitenlange Balladen.
Gründen ein Museum, führen sich auf wie im Kolloseum.
Denn Menschen verarschen ist gut, aber verarsche niemals eine Kuh.
Dieser Reim war echt nicht fein, das könnt schon etwas besser sein.
Nicht immer einfach dieses Reimschema, aber geht schon klar.
Einfach heiter immer weiter, hyper hyper hyper hyper.
Aber nochmal zurück zum Thema, es ist der Bauer gegen PETA.
PETA nominiert jetzt ihren Fighter, es ist der Bad Kiesische Ortsgruppenleiter.

Zwischenfrage, wie adjektiviert man eigentlich Ortsname? Ist das oben richtig oder doch kleingeschrieben? Honestly no idea lol. [Also kiesisch allein wäre wohl klein aber die Kombi mit dem Bad fickt nen bisschen]

Aber jetzt mal weiter im Text, heute Abend wird gefetzt.
Fightnight mit Cagefight, heute gibt’s nur Blut und kein Stagedive.
Er ist bereit, der Ortsgruppenleiter, er tritt auf wie ein mittelalterliche Streitreiter.
Der Bauer kommt unbewaffnet, er hat Waffen noch nie verkraftet.
Auch die Kuh mit bloßen Händen zerfetzt, das war nicht schön, echt jetzt.
Und nun stehen sie gegenüber im Ring, gleich kommt das Zeichen, ein blechernes „Ding“.
Elangeladen schreiten sich beide entgegen, das Publikum bereit für den Gedärmeregen.
Die Spannung steigt und steigt, ein nahezu unerträglicher Vibe.
Letzte Wetten sind gesetzt, Adrenalin wie kurz vor dem ersten Zug Crack.
Doch was ist das, darauf war ja keiner gefasst.
Denn die Katze taucht auf, versetzt die ganze Arena in Flauschrausch.
Und sie warten auf das „Muuuuh“, stattdessen kommt ein „Wuff“.
Und die Moral von der Geschicht, mach dir besser keine Gedanken über den Sinn dieses Gedichts.

Falls ihr euch beim Lesen dieser formvollendeten Zeilen Gedanken über Rhythmus oder Melodie gemacht hat, ich auch. Und dann habe ich es schließlich einfach sein lassen. Seht das hier einfach als das lyrische Element zu Freejazz an, denn wenn ich musikalisches Talent hätte, wäre ich sowieso schon längst Musiker geworden. Davon mal abgesehen denke ich aber, dass ich mit dieser Passage das Versprechen vom random nach den vorhergehenden, übermäßig mit Sinn beladenen Absätzen wieder ausreichend erfüllt habe. Man muss ja auch seinen Wurzeln treu bleiben.

Dementsprechend beenden wir unseren heutigen Ausflug auch mal. Zwar habe ich noch 33 Minuten Akkulaufzeit verbleibend und bis Berlin dauert es auch noch ein Weile, aber man soll ja a) aufhören wenn es am schönsten ist, und b) dürft ihr euch jetzt als Hausaufgabe selber einfallen lassen. Peace out und stay tuned.

Gerechtes Feuer

„Die Menschen und das Feuer haben eine interessante Beziehung zueinander. Zum einen war die Entdeckung des Feuers der erste Schritt auf unserem Weg in die Wissenschaft und eine Lebenswelt, die kein anderes Wesen auf unserer Erde so erreicht hat. Es ist die Grundlage unserer Zivilisation, der Brennstoff für Fortschritt und Erleuchtung. Auf der anderen Seite war es, und wird es immer eine unglaubliche Bedrohung sein. Unkontrolliert hat es das Potenzial, innerhalb kürzester Zeit alles, was es half zu errichten, wieder zu vernichten. Behandel es nicht mit dem Respekt, den es verdient, und unter deinen erbärmlichen Schreien wird dein Körper zu Asche reduziert und in alle Winde verstreut.

Aus diesem Grunde sind die Menschen dazu übergegangen, dem Feuer allerlei Boshaftigkeit zu unterstellen, es zu einer gefährlichen Waffe des Bösen in all seinen Formen zu instrumentalisieren. Dabei ist Feuer nicht bösartig. Wie sollte es auch, es ist ja kein denkendes Wesen. Obwohl es das auch nicht ganz trifft, aber das werdet ihr später noch merken. Primär ist es nur ein Zustand. Primär ist es neutral. Es interessiert nicht, wenn oder was es verbrennt, das hat keinerlei Relevanz, von der Brennbarkeit einmal abgesehen. In diesem Sinne kann man eigentlich sagen, das Feuer gerecht ist. Ein Bauer? Brennt. Ein König? Brennt auch. Die Moral kommt durch die Menschen, die das Feuer gezähmt haben – meistens.

Warum ich euch das alles erzähle? Hauptsächlich weil ich gerade auf einem Scheiterhaufen stehe, eine wilde, gewaltgeile Menge um mich herum. Nun ist das eigentlich eine sehr unvorteilhafte Situation.

Außer, man ist wie ich. Meister des Feuers. Höllenhund. Glut Gottes. Satans Saat. Splitter eines Sternes. Pyrokinetiker. Flammentänzer. Rote Zunge. Ihr seht, mit einer Gabe wie meiner fliegen einem die Titel nur so zu. Und nur als Randnotiz, ich bin heute nicht einmal deswegen hier oben. Nein, ich habe mit der Tochter des Bürgermeister geschlafen. Klischeehaft, ich weiß, aber die Frauen, besonders die jungen, besonders die rebellischen, lieben einfach die mysteriösen Typen, die auftauchen und sie mit ein paar unerklärlichen, mystischen Tricks beeindrucken. Und ich mag vieles sein, aber ein Kostverächter bin ich nicht. Leider war ich anschließend zu arrogant, um dann direkt wieder zu verschwinden. Ihr Vater fand mich, und in so einem Dorf kennt halt jeder jeden, ein paar Stellen aus der Bibel werden zitiert und schon ist für die Tagesunterhaltung gesorgt.

Dabei wurde mir das tatsächliche Ausmaß meiner Kräfte sogar das erste Mal auf einem Scheiterhaufen bewusst. Das erste Mal, dass ich wirklich die Umarmung der Hitze gespürt habe und mit mir selber im Reinen war. Deshalb genieße ich es eigentlich immer, wenn ich so konkret daran erinnert werde. Sehr angenehm. Also für mich. Für alle anderen hier wird es leider kein so gutes Ende nehmen.

Da kommt auch schon der Henker, eine Fackel in der Hand. Schon recht praktisch für mich, dass das Verbrennen die primäre Hinrichtungsmethode in diesem Land ist. Sie versuchen es sogar dann, wenn meine Kräfte der Grund für meine Verurteilung sind. Wie sinnvoll das ist, könnt ihr euch wohl denken.

Jetzt fängt der Haufen an zu brennen. Laut brüllen sie, verwünschen mich, wollen mich in Todesqualen schreien hören. Auch die Tochter des Bürgermeisters ist da. Entzückendes kleines Ding. Sie hat mir erzählt, wie sehr sie ihren Vater und das ganze Dorf hasst. Sie ist zu schlau, zu aufgeklärt, in die falsche Zeit geboren. Eigentlich ein kleines Wunder, dass sie nicht selber schon längst einmal hier oben stand. Oder nicht jetzt mit mir gemeinsam ihrer gerechten Strafe zugeführt wird. Vielleicht liebt ihr Vater sie dafür ja doch zu sehr. Man hält sich doch immer gerne an die absurdesten Regeln, solange man sie aussetzten kann, wenn es um einen selber oder eben auch seine Nächsten geht. Aber letztendlich ist es eh egal. Ob hier oben oder dort unten, sie wird sowieso mit allen anderen zusammen brennen. Eigentlich schade drum.

Versteht mich bitte nicht falsch, ich will keineswegs, das irgendjemand stirbt. Meine menschliche Seite zumindest nicht. Aber was soll ich denn sonst tun? Ich könnte die Flammen ersticken, dann würden sie mich wohl stattdessen hängen, oder ertränken, oder was auch immer hier in Mode ist. Ihr versteht wohl, dass ich nicht scharf darauf bin, es herauszufinden. Und außerdem bin ich immer noch auch Feuer. Sie spielen leichtfertig damit, sie verbrennen sich. Alle miteinander, unterschiedslos, Bürgermeister und Aussätziger, Alte und Kinder, verdient und unverdient. Mir als Mensch tut es Leid, mir als Avatar des Feuers ist es gleichgültig.

Nun haben die Flammen meine Füße erreicht. Sie verzehren sich nach mir wie nach einem Geliebten. Also bringen wir es hinter uns. Lehnt euch einfach zurück und genießt die Show“.

Einmal atmet er tief ein, und die Flammen erheben sich sehnsüchtig zu seinen Knien. Als er ausatmet, ziehen sie sich zurück, fast schüchtern verkriechen sie sich zwischen den Holzscheiten und fliehen in den Schoß der Glut. Die Dörfler sind irritiert, aber noch ahnen sie nicht, was gleich folgen wird. Ein zweites Mal pumpt er Luft in seine Lunge, und dieses Mal schmiegt sich das Feuer bis auf Höhe seiner Brust an ihn. Unruhe macht sich breit, heilige Verse werden geschmettert und Gott angerufen. Doch ihr Gott hat hier keine Macht. Ein letztes Mal kriechen die Flammen unter ihn, und es scheint ihm, als wüssten auch sie jetzt Bescheid, als könnte er ihre Vorfreude spüren. Als er das dritte Mal seine Lunge füllt, steigen sie spiralförmig um ihn auf, hüllen ihn in einen flackernden Kokon aus Hitze und Liebkosung, ein schillerndes Prisma in allen Farben des Regenbogens. Er atmet aus und wirft dabei die Arme wie ein Prediger von sich, und ein wirbelndes Inferno folgt seiner Bewegung. Wie eine Schockwelle trifft es die ersten Reihen, schleudert sie nach hinten, die Haut bereits schwarz und verschmort. Wer noch steht beginnt wegzurennen, aber nun gibt es kein Halten mehr. Wie ein Dirigent und Tänzer in einem zuckt sein Körper, und die Flammen tun es ihm nach. Hier bohrt sich ein Feuerkugel von der Größe einer Faust durch ein Herz, dort greift ein glühender Tentakel nach einem Beinpaar und reißt den Besitzer zurück. Für kurze Zeit beschwört er die Hölle herauf, und voller Enthusiasmus stürzt sie sich auf ihre Aufgabe.

Schließlich senkt er seine Arme, und mit ihnen sinken auch die Flammen herab und legen sich zur Ruhe. Er lässt einen letzten, langen Blick um sich herum wandern, als er von seinem schwelendem Thron herabsteigt, saugt die Bilder von Asche und Glut auf, den schweren Geruch von verbranntem Holz, Haar und Fleisch, das sanfte Knacken und Bersten von Schädeln sowie das kochende Zischen, welches aus dem Brunnenschacht ertönt. Und dann zieht er weiter, ohne noch einmal zurückzublicken.

 

Ein ganz normaler Mitbewohner

Er hatte einen ruhigen Start in den Tag gehabt. Gegen 12 Uhr war er aufgewacht, und nachdem er sich zunächst vergewissert hatte, dass sein inkompetenter Hanswurst von Mitbewohner nicht da war, hatte er sich als erste Amtshandlung des Tages, wie eigentlich an jedem Tag, erst einmal einen Kopf angezündet und sich dann vor den Fernseher gesetzt. Eine Stunde später fühlte er sich dann motiviert genug, um in die Küche zu gehen und sich Frühstück zu machen. Irgendwas mit Eiern. Dabei gingen ihm heute nur fünf kaputt und die Pfanne fiel ihm nur einmal auf den Boden, was ihn mit einigem Stolz erfüllte. Das Ergebnis war zwar zwischen Rührei, Spiegelei und Omelett nicht wirklich definierbar, ihn störte das aber herzlich wenig. Die nächsten zwei Stunden verbrachte er dann damit, vor dem Fernseher zu essen und sich zwei weitere Köpfe und einen Joint zu genehmigen.

Anschließend ging er einer seiner Lieblingstätigkeiten nach: Passanten mit Müll bewerfen. Wobei seine Definition von Müll recht weit gefasst war und gerne auch einmal den einen oder anderen regulären und noch voll funktionsfähigen Haushaltsgegenstand beinhaltete. In der Regel zielte er dafür kurz vor die betreffenden Personen (bei aller Verantwortungslosigkeit war er dennoch kein Freund von seriösem körperlichem Schaden), manche Sachen, zum Beispiel zusammengeknüllte Badezimmerabfälle, bettelten ihn aber geradezu nach einem direkten Treffer an. Wie üblich ergötze er sich dann an den von ungläubig bis maßlos reichenden Reaktionen („Ich mach dich fertig, du arschgefickter Gülleschlucker“ war sein heutiger Favorit) sowie dem Wissen, dass keines seiner Opfer auch nur den blassesten Schimmer von seiner Täterschaft hatte.

Und dann waren da natürlich noch die wenigen, die daraufhin bei sämtlichen Wohnungen des Hauses klingelten, manche fanden auch auf Anhieb die richtige, um den Urheber ihres Ungemach zu konfrontieren. Die anderen Bewohner hatten deshalb, und wegen den ziemlich unübersehbaren Müllbergen auf der Straße, natürlich auch schon mitbekommen, was los war, und wurden deshalb ihrerseits zunehmend aggressiver im Umgang mit seinem Mitbewohner, worüber sich dieser dann wiederum wiederholt bei ihm selber beschwerte. Offensichtlicher Weise erfolglos. Ebenso erfolglos wie alles Klingeln an ihrer gemeinsamen Tür. Er war ja schließlich nicht so blöd, jemals zu öffnen.

Irgendwann ging ihm allerdings die Munition aus, und er überlegt, was man als nächsten machen könnte. Nach kurzer Überlegung kam er zu der Erkenntnis, dass er erst einmal ein paar Bier gebrauchen könnte, um das THC in seinem Körper etwas zu neutralisieren. So nahm er sich also ein Sixpack aus dem Kühlschrank, und als er dabei noch eine halb leere Flasche Vodka entdeckte, griff er sich diese gleich auch noch.

So saß er denn wieder auf der Coach unter sanfter Berieselung wundervollen Assi-TVs und war gerade bei seinem vierten Bier (die halbe Vodkaflasche hatte er mittlerweile schon geleert) als er hörte, wie die Haustür geöffnet wurde. Entspannt lehnte er sich zurück, denn nun hatte er wieder Gelegenheit, seiner aller aller absolut liebsten Tätigkeit nachzugehen.

„Das kann doch nicht dein scheiß Ernst sein“, hallte es ihm aus dem Flur entgegen, und daraufhin stand Rico auch schon in der Wohnzimmertür. „Den Toaster hatte ich letzte Woche erst gekauft. Und irgendwer hat den Briefkasten voller Badezimmermüll gestopft“.

„Warum sollte jemand nur so etwas tun?“, erwiderte er so unschuldig wie ein katholischer Priester.

Rico warf ihm einen dieser Verarschen-kann-ich-mich-auch-selber-Blicke zu und schnüffelte einmal. „Und mach wenigstens das Fenster auf, wenn du dich schon zuknallen musst. Wie oft soll ich dir das noch sagen?“.

„Solange, bist du dir endlich deine Pussy zu nem anständigen Gehänge um operieren lässt, du Lappen. Außerdem war dein Fenster doch geöffnet“.

„Und rücksichtsvoll wie du bist, hast du natürlich auch nur dort geraucht. Außerdem sollst du den Scheiß mit dem Müll generell lassen, ich bekomme langsam echt Stress mit der Vermieterin, und bei den Cops sind auch schon mehrere Anzeigen eingegangen“.

„Hör auf rumzuflennen und geh lieber mal in die Küche, da ist scheinbar ein Orkan durchgezogen“.

„Bitte was?“

„Ein Orkan. Eine Naturgewalt. Massiv Wind. Zerstörung, Verderben und Tod. In diesem Falle außerdem ein Dysphemismus“.

Rico glotze ihn an. Nicht einfach irgendwie, nein. Mit diesem einem, wunderbaren Blick, als hätte ein Hirte gerade seine Schafe geschert und ein vor wenigen Tagen geborenes Lamm würde daraufhin zum ersten Mal seine splitternackten Eltern sehen. Halt voll belämmert. Auch wenn das Leben mit dieser Heulsuse teilweise schon recht belastend war, für diesen Blick alleine lohnte es sich, morgens (oder eben mittags, oder auch mal nachmittags) aufzustehen.

Rico blickte ihn immer noch an.

„Solltest du nicht vorhaben, mich gleich mit deinem Blöcken zu begeistern, empfehle ich dir, jetzt verkackt noch einmal in die Küche zu gehen. Gott, ich weiß echt nicht, wie so viel Inkompetenz in einen Körper passt“.

Zwei, drei Sekunden lang starrte Rico noch, dann ging er schließlich in die Küche, und laute Flüche drangen wie die süßeste Musik ins Wohnzimmer.

Nachdem Rico ein Weile in der Küche zubrachte und letztendlich mit einigen Pfannkuchen zurück kam, hatte er die letzten Biere ausgetrunken, fläzte sich auf der Coach und wartete auf den richtigen Augenblick.

Als Rico nun gerade bei seinem drittem Pfannkuchen war, fand er ihn gekommen. Gerade als Rico sich eine neuerlich gefüllte Gabel in den Mund stecken wollte, platzte er heraus: „Wir müssen nach Berlin“.

Kurz hielt die Gabel an, verschwand dann in Ricos Mund, und nach etwas Kauen erwiderte dieser: „Warum denn nach Berlin? Ist das wieder einer deiner komischen Scherze?“.

Er seufzte auf. „Nein, diesmal nicht. Wir haben da Business zu erledigen, Befehl von ganz oben. Aber da soll es auch geile Clubs geben. Wir worken also erst hard und dann playen wir exponentiell harder“.

„Und was für ein Business?“, brachte Rico zwischen zwei Bissen hervor.

„Hat dir deine Mama keine Manieren beigebracht? Essen oder sprechen, du Flegel“.

Rico warf ihm einen genervten Blick zu, schluckte runter und fragte: „Also?“.

„Du hast dich doch bestimmt mal gefragt, ob du der einzige bist, dem so komische Sachen passieren. Und damit meine ich natürlich meine wunderbare Anwesenheit, über die du dich so gerne beschwerst. Aber ich kann dich beruhigen. Du bist nicht der einzige. Und deshalb müssen wir nach Berlin, um ein paar andere Schäfchen über ein paar Sachen aufzuklären“.

„Wie wäre es, wenn du erst einmal mich aufklärst?“.

„Verdammt, hast du überhaupt ne Mama gehabt? Also, wenn ein Mann und eine Frau, heutzutage gerne auch in ander…“.

„Nicht diese Aufklärung, verdammt. Willst du mich verarschen?“.

„Ist das ne rhetorische Frage?“.

Rico öffnete den Mund, dann runzelte er die Stirn und schloss ihn wieder. „Fick dich einfach“.

„Peace, love and harmony, baby. Aber ohne Witz, wir müssen nach Berlin. Jetzt. Sofort. Und ‚Nein‘ als Antwort akzeptiere ich nicht. Unsere gemeinsame Geschichte beginnt jetzt gerade erst richtig, also pack deine Sachen, wir bleiben wahrscheinlich ne Weile da, und such nach ner Verbindung. Nein, ignorier das letzte, fahr einfach direkt zum Bahnhof, wir nehmen die erstbeste“.

„Aber mein Job, ich muss morgen wieder arbeite…“.

„Scheiß doch mal auf deine verkackten kapitalistischen Gelüste. Das Universum höchstpersönlich hat eine Aufgabe für dich, und du denkst wieder nur ans Geld. Oder ist das wieder eine Auswirkung von akutem Eiermangel? Und bevor du fragst: Nein, ich rede nicht von deiner Küche. Also pack jetzt deine verfickte Tasche, vergiss den Rucksack für mich nicht und los!“

„Ist ja schon gut. Kann ich wenigstens noch aufessen?“.

Wenn er Augenbrauen gehabt hätte, hätte er sie jetzt hochgezogen. Sein konsequentes Schweigen transportierte die Aussage aber besser, als alle Worte und Gesten es hätten tun können, und so war Rico zehn Minuten später marschbereit, schnappte sich das ihm so völlig unverständliche Yoshi-Plüschtier, dass ihm, seitdem es mit Reden angefangen hatte, nichts als Ärger bereitete, von der Couch, stopfte es in den Rucksack und machte sich auf den Weg zum Bahnhof.