Xavier

Als „ein Abenteuer“ bezeichnet der mittelalte Mann mir gegenüber unsere aktuelle Situation. Ich hoffe, das ich mit knapp fünfzig das Ausharren in einem ICE nicht als „Abenteuer“ betrachten werde, sonst erschießt mich bitte gleich.

Sturmtief Xavier ist durch Deutschland gezogen, gemeinsam mit mir und abertausenden anderen Reisenden auch. Natur und Zivilisation trafen aufeinander, und die Natur hat ausnahmsweise mal gewonnen. Seit Mittag steht Norddeutschland still, und da ich und mein Transportmittel der Wahl ebenfalls in diesem Gefilde unterwegs waren, stehen wir eben auch still.

Es beginnt damit, dass wir auf offener Strecke anhalten, ungefähr zwanzig Minuten vor Hannover. Zu diesem Zeitpunkt bin ich noch optimistisch, denn außer etwas Regen und Wind, beides noch in erträglichem Rahmen, hatte ich zuvor in Berlin von den Deutschland terrorisierenden Wetterbedingungen nichts mitbekommen, und auch den Rest des Tages über begegne ich lediglich gelegentlichen Schauern und Windböen, was dem Ganzen für mich einen leicht surrealen Anstrich gibt.

Recht schnell danach bleibt dann aber auch der Strom weg, was schon mal ein deutlich schlechteres Zeichen ist. Es folgen entschuldigende Durchsagen, ein kurzes Zurücksetzten zum Zwecke des darauffolgenden Einfahrens in einen nahegelegenen Dorfbahnhof, wo die am Bahnsteig anliegenden Türen geöffnet werden, sodass wir immerhin den Zug verlassen können. Mittlerweile sind zwei Stunden seit dem Anhalten um vierzehn Uhr vergangen.

Durch meinen Sitzplatz an einem Vierertisch bedingt habe ich drei, sagen wir mal in näherem Kontakt zu mir und einander stehende Leidensgenossen. Diese sind erwähnter 50-Jähriger, seine ziemlich gleichaltrige Frau, beide auf dem Weg zum Starlight Express in Bochum, sowie ein ca. 70-Jähriger, nach eigener Aussage „schwerbehindert“, wobei sich dies bei ihm allem Anschein nach, von einem nach innen gewandtem Schielen einmal abgesehen, auf eine rein kognitive Ebene beschränkt. Das ist zwar nicht direkt eine Gemeinschaft, deren Gesellschaft ich mir herbeiwünsche oder an der ich mich normalerweise, und zugegebenermaßen auch aktuell, übermäßig erfreue, aber die gemeinsam verbrachte Zeit schweißt einen dann zwangsläufig eben doch etwas zusammen. Verdammt, ich klinge schon wieder abwertend, oder?

Per Lautsprecher erfahren wir in der Zwischenzeit, dass es frühestens um acht Uhr abends weitergehen wird, aber die im Laufe der Zeit zusammengetragenen Meldungen aus der Außenwelt lassen auch dies als zunehmend unwahrscheinlich erscheinen. Egal, erst mal ist Warten angesagt, und dieses wird von mir mit Musik, unbefriedigender Lektüre, Schlafen und der Assistenz bei dem Zustandekommen eines Telefonats vom rentner-, aber leider nicht ganz schwerbehindertengerechtem Klapphandy des von mir intern und spontan auf „einfacher Arnold“ getauften Sitznachbarn zwecks Vermeidung übermäßiger Langeweile gefüllt. Gegen acht Uhr, als ich auch beginne, die ersten Zeilen dieses Berichtes zu verfassen, ist dann aber erkenntlich geworden, dass sich dieser bereits jetzt von den letzten Stromreserven zehrende Hochgeschwindigkeitszug heute nicht mehr von diesem lediglich aus einem einfachen Bahnsteig bestehendem Bahnhof fortbewegen wird. Dafür müssen wir Passagiere uns aber auf einen baldigen, bereits durch das Eintreffen von Deutschem Roten Kreuz und der örtliche Feuerwehr angekündigten Ortswechsel einstellen, denn der Strommangel bedingt auch eine Nicht-Nutzbarkeit von sanitären Anlagen und Heizungen, weshalb dieser metallener Wurm als Nachtlager nicht in Frage kommt.

So werden wir dann kurze Zeit später mit Transportern evakuiert, Ziel ist ein nahegelegenes Kulturzentrum, also im Grunde ein großer Raum, üblicherweise angedacht eben für kulturelle und wohl auch weniger kulturelle Zusammenkünfte der Dorfgemeinschaft, nun aber auf die Schnelle in ein wohltemperiertes und mit funktionierenden Toiletten ausgestattetes Auffanglager für uns Gestrandete umfunktioniert. Sehr schnell stehen dort auch ausreichende Mengen an Wasser, Kaffee und Tee bereit, und vermutlich eine Art Plünderung des nebenan gelegenen Netto’s später dann auch primär bockwurstige und brotige feste Nahrung sowie ein Haufen Softdrinks. An dieser Stelle einfach mal ein Shoutout an die Einsatzkräfte, welche die Lage wirklich gut gehandhabt haben.

Wieder eine Weile später lauschen wir dann gesättigt und gestärkt, in meinem Fall nach einem kurzen privaten Abstecher zu Netto auch mit edlem 40-Cent-Bier ausgerüstet der ersehnten Ansage, wie es denn jetzt weitergeht: Zunächst einmal werden Taxis und Hotels organisiert und zur Verfügung gestellt, allerdings muss für die Kosten selbst aufgekommen werden, da die Bahn sich mit der Begründung „höhere Gewalt“ aus der Verantwortung zieht. Was zwar ein Bitchmove, rein rechtlich gesehen aber legitim ist, und heute, einen Tag später, habe ich im Radio auch schon das schöne Wörtchen „Kulanz“ gehört. Hach ja, da kommen Erinnerungen an meine Zeit bei o2 hoch.

Mich selber betrifft dies alles übrigens nicht, da mein Vater sich bereits auf den Weg gemacht hat, um mich per Auto abzuholen, weshalb ich recht entspannt meinen Alkoholpegel anhebe, die fahrgemeinschaftsbildenden Maßnahmen rund um mich herum beobachte und noch etwas Konversation mit „Arnold“ betreibe, der nicht an und für sich dumm, sondern lediglich, nun, etwas einfach gestrickt ist und ebenfalls bald abgeholt wird, von seinem Bruder. Um elf Uhr ist mein Dad dann eingetroffen, wir packen noch ein Großelternpaar samt Enkelin auf den Rücksitz, ich verabschiede mich von „Arnold“ (das mittelalte Ehepaar hat sich bereits in ein Hotel verzogen) und wir machen uns auf die zweistündige Hin- bzw. Rückfahrt nach Oldenburg. Wenn gerade keine Gespräche den Autoinnenraum erfüllen denke ich darüber nach, dass so ein Chaos für unser wettertechnisch diesbezüglich sehr gesegnetes Deutschland zwar eine krasse Sache ist, im Vergleich zu vielen anderen Weltregionen und dortigen, oft erschreckend regelmäßigen Naturkatastrophen aber doch eine süße Lappalie ist.

Schließlich kommen wir um kurz nach ein Uhr nachts an, werfen unsere Mitfahrer am Hauptbahnhof raus, von wo sie baldigst von anderen Familienmitgliedern aufgegriffen werden und fahren selber nach Hause, wo ich fast neun Stunden später als ursprünglich veranschlagt ankomme. Dankeschön, Xavier.

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Freiheit

Einatmen. Wie schon unzählige Male zuvor greift er in die Luft, welche er in seine Lunge pumpt, und folgt ihrer Fäden. Das Schlagen von Flügeln, die kleinen Unebenheiten des Erdbodens und die massiven Spalten der Schluchten des Gebirges, eine sich behutsam kräuselnde Wasseroberfläche, das sanfte Gleiten der Wolken am Himmel, die winzigen Härchen auf dem Arm eines Bauerns, die im Takt der erntenden Sense durch die Luft streifen, ein jedes von ihnen eine eigene, winzige Bahn durch das Gefilde der Lüfte ziehend. All dies strömt in ihn ein, all dies betrachtet er, all dies legt er dann beiseite.

Ausatmen. Wie lange er schon hier sitzt weiß er längst nicht mehr. Vielleicht ein Jahr, vielleicht zehn, vielleicht hunderte oder gar tausende. Tag und Nacht haben kaum Bedeutung mehr, seine Augen sich solange nicht mehr geöffnet, dass die Augenlider miteinander verwachsen sind, auch die Ohren sind unbrauchbar, vor langer Zeit von ihm mit Moos und Flechten verstopft, welche nun nicht mehr von seinem Fleisch zu trennen sind. Der Mund ist noch einen Spalt weit offen, jedoch nur, um seine Atemzüge und den Strom der Luft zu erlauben, das Bedürfnis nach Essen und Trinken hat er bereits vor langem abgestreift.

Einatmen. Der Bauer ist jetzt nicht mehr alleine. Er hält eine Frau in den Armen, und er küsst sie, und sie küsst ihn, und auf einmal ist da wieder etwas in seiner Brust, ein winziger Funke nur, doch er reicht, um das Feuer seiner Gedanken wieder einmal zu entzünden. Und in diesem Feuer liegt eine Knospe, und sie ist Glück und Zufriedenheit und Wohlbehagen, und dann öffnet sie sich und erblüht zu einer Blume aus Neid und Verlangen und dem Wunsch, sich zu beschmutzen und von diesem Berg hinunter zu steigen und Augen und Ohren offen zu reißen und Wasser und Wein die Kehle hinabzustürzen und Fleisch zu verschlingen und Fleisch an sein Fleisch zu pressen und ein Schwert zu greifen und …

Ausatmen. Und er trägt diese wunderschöne, verderbende Blume aus seinem Körper und übergibt sie dem Wind, blickt ihr kurz nach, wie sie da taumelt und tanzt, dann kehrt er wieder zu sich zurück. Er regt sich nicht auf. Würde er keine Fehler mehr machen, würden die scharfen Kanten des Felsens unter ihm nicht mehr in seine Kehrseite drücken, deshalb akzeptiert er sie und studiert sie eingehend. Früher waren sie weitaus häufiger, peinigten ihn sekündlich, minütlich, stündlich, täglich, nun kommt er nur noch selten vom Pfad ab.

Einatmen. Der Bauer und seine Frau sind in ihrer Hütte verschwunden, und durch die Ritzen im Holz tastet er ihnen nach, erkennt ihre aneinandergepressten Formen auf dem Felllager am Boden. So interessiert wie an allem anderem auch betrachtet er die beiden und ihren Akt, distanziert, emotionslos, fast wissenschaftlich. Alle Gefühle, die vorhin noch so gewaltsam aufflammten, sind längst vergessen und weit verstreut.

Ausatmen. Er ist nicht immer so gewesen. Natürlich nicht. Diese Behauptung wäre das einzige, was er noch als Beleidigung empfinden würde. Denn es war ein langer Weg, der längste Weg, und wenn er sich ein Gefühl zugestehen würde, dann wäre es Stolz. Stolz, es so weit gebracht zu haben, Stolz, nicht aufgegeben zu haben, Stolz, den Mensch im Menschen besiegt zu haben. Nun, noch nicht ganz, noch gesellt sich sein hagerer Leib nicht zu den Vögeln und Wolken hoch am Himmel, noch hält ihn der kalte und harte und scheinbar so unvermeidliche Griff der Materie am Boden, noch ist er nicht zu einem Wesen reinem, ungetrübtem Seins geworden. Noch …

Einatmen. Tief, tief, so tief es ihm möglich ist. Wie eine Flut prasselt es auf ihn ein, Bäche und Flüsse und Seen und Berge und Schluchten und Höhlen und Wälder und jeder einzelne Baum, jeder Ast eines Astes und die Blätter und darauf die Läuse, und die Käfer, die sie fressen, und die Vögel, die dann sie fressen, und jedes Leben gebende gelegte Ei, und auch Häuser und Dörfer und Städte voll Menschen und Stahl und ein Hammer und ein Schwert und dann Blut und die Vibrationen eines Schreis voll von Schmerz, dann ein Schrei voll von Tod und ein Stück weiter ein erster Schrei voll von Leben gemischt mit einem Weinem voll Glück und dem Stolz eines Vaters und auch Liebe und Hass und Begierde und Mitleid und Zorn und Trauer und soviel mehr, alles, was da ist zwischen Himmel und Erde, und er saugt es in sich auf und dreht es, wendet es, betrachtet es aus jedem Winkel, legt es beiseite und nimmt das nächste Ding, und er sieht alles und empfindet nichts und wird zugleich weniger von sich und mehr von allem.

Und dann atmet er aus. Und atmet ein. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen.

Impressionen aus dem Zillertal #2

Ein wunderschöner Ort

Ich stehe an der Spitze eines Felsvorsprungs und überblicke die Klamm vor mir. Es hat geregnet, regnet immer noch, und so ist die gesamte Umgebung wie mit Wasser bemalt. Wie in einem kleinem Zauberwald ist es hier, eine gewisse verwunschene Atmosphäre schlängelt sich zwischen den Bäumen hindurch, legt sich zum Moos auf die Felsen und reitet auf dem mit Wasserfällen durchsetzten kleinen Fluss in der Mitte dieser Schlucht.
Ich stütze mich vornüber mit den Händen auf den Knien auf, denn meine Lunge brennt und meine Beine sind schwer vom Aufstieg. So schwer ist er gar nicht, aber das hat man eben von fünf Jahren Rauchen und nahezu keinem Sport im Leben. Deshalb bin ich jetzt auch umso stolzer auf mich und genieße den Regen, der meine eh schon völlig durchnässten Klamotten und Haare beständig in diesem Zustand hält.
Ich richte mich zu voller Größe auf und lasse den Blick schweifen, achte ganz genau auf jedes kleine Detail, berausche mich am allgegenwärtigen Trommeln des Wassers und atme den Duft von feuchtem Grün. Da springt mir ein Gedanke in den Kopf.
Dies ist ein wunderschöner Ort, um sich umzubringen.
Ich grinse, trete vor an den Rand des Felsen, blicke in die Tiefe. Dann lasse ich noch einmal den Blick schweifen und drehe mich um. Noch liegt etwas Aufstieg vor mir.



Sonnenaufgang

Es ist 6:20. Morgens. Aus einer Laune heraus haben wir uns dazu entschieden, den Sonnenaufgang zu beobachten. Draußen präsentiert sich der Himmel noch nahezu einförmig hell, nur hinter einem Berg auf der anderen Seite des Tals leuchtet es einen Hauch intensiver. Im Tal selber hängt ein Stück weiter der Nebel tief über dem Boden, doch ansonsten ist es fast wolkenfrei, zum ersten Mal, seitdem wir hier sind.
6:30. Niklas kommt doch nicht, sondern schläft lieber noch ein bisschen. Ich kann ihn verstehen, habe doch auch ich den Kampf gegen den Wecker und das Aufstehen nur knapp gewonnen. Aber Schönheit und die Kunst gehen eben vor.
6:35. Auf einem mir schräg zugewandtem Hang eines schneebedeckten Gipfels in der Ferne legen sich die ersten Sonnenstrahlen nieder, und vom Dach unseres Hauses aus beginnt dünner, weißer Rauch ins Tal herabzuziehen, der einen angenehmen, an Osterfeuer und Grillparties erinnernden Geruch mit sich trägt. Mir fällt erst jetzt auf, dass das mit dem Sonnenaufgang angesichts der im Weg stehenden Berge etwas schwierig wird. Doch auch so tut die frische, kühle Luft gut, und auf das bisschen Schlaf kann man auch mal verzichten.
6:50. Der Rauch ist versiegt, erwähnter Hang badet zunehmend im Licht, ein Hahn hat just gekräht und meine Füße wünschen sich jetzt doch etwas Wärme. Deshalb ziehe ich mich zunächst gestärkten Geistes zurück, mache mich an die Vollfüllung meines Abspüldienstes und gucke, ob ich nicht doch noch irgendwo ein paar Minuten Schlaf herausschlagen kann.
Nachtrag, 8:30. Statt Frühstück in der Küche heute mal Frühstück auf dem Balkon, auf dem ich vor zwei Stunden schon saß. Mittlerweile schwebt die Sonnenscheibe über den Bergen und küsst je eine unserer Gesichtshälften mit ihrer rohen, wärmenden Kraft. Der Wunsch nach Schlaf ist vergessen, der Blick nach vorne gerichtet, voll Motivation und freudigen Erwartungen an diesen güldenen Tag.



Von Abstürzen und Aufstiegen

Ich stürze ab. Zwei, drei, vielleicht vier Meter Distanz überwinde ich diagonal, nur vom Klettergurt gehalten und mit den Füßen dafür sorgend, dass ich nicht direkt gegen die Felswand klatsche. Schließlich erreichen die Karabiner die nächstgelegene Sperre und stoppen meine Abwärtsbewegung. Erst einmal durchatmen. Angst kann man das Gefühl, das ich währenddessen hatte, nicht nennen, dafür ist mir zu sehr bewusst, dass ich mehr als ausreichend gesichert bin, aber angenehm ist so eine Abfahrt trotzdem nicht.
Dann rege ich mich auf. Der mittlerweile vierte Klettersteig ist dies, und die anderen drei habe ich als praktisch kompletter Anfänger gut gemeistert. Nicht schnell, aber sicher und beständig. Laut offizieller Wertung ist das hier nicht einmal die schwerste Stelle, die haben wir schon hinter uns. Wie an so vielen anderen geht es auch hier darum, sich senkrecht nach oben zu ziehen. Nur dass die Kletterhilfen hier in einer für mich eher ungünstigen Position platziert sind. Beinahe hatte ich es schon geschafft, doch dann rutschte eine Hand vom Griff und ich konnte mich und meine aufwärts gerichtete Bewegung nicht mehr (er)halten. Nach einer kurzen Pause scheitert dann auch ein zweiter Versuch. Na super. Ich müsste nur ein paar Zentimeter größer sein, noch ein bisschen mehr Kraft in den Armen haben, dann wäre alles okay.
Niklas ist inzwischen zu mir zurück geklettert und verfüttert eine halbe Tafel Manner an mich, „für die Energie“, spendet motivierende Worte und erinnert an die Kosten eines Rettungshubschraubers. Als ob ich so schnell aufgebe, und eher verrotte ich hier, als mir die Blöße zu geben, aus der Luft gerettet zu werden. Wobei ich meinen Stolz eh schon ausgeschaltet habe, sonst würde es mich innerlich zerfressen, dass ich heute selbst von Kindern schon überholt wurde.
Ein paar Minuten später dann der nächste Versuch. Niklas hat eine Position gefunden, in der er mir mit der Hand etwas entgegen kommen und mich mit hochziehen kann, und mit derartiger Unterstützung gelingt es diesmal dann auch. Die restliche Strecke ist dann zwar auch noch anspruchsvoll für mich, lässt sich aber unter Zuhilfenahme des ein oder anderen Urschreis recht problemlos bewältigen.
Oben angekommen berichten sowohl Füße, Hände, Arme als auch rechtes Knie über den Weg der Schmerzrezeptoren das Vorhandensein ein paar kleinerer Wehwehchen und Erschöpfungszustände, mir ist das aber egal. Fick dich, Berg, fick dich, Steilwand, fick dich, 14-Jähriger der schneller ist als ich, fick jeden einzelnen Stein, an dem ich mich gestoßen habe, fick alles und jeden und die ganze verfickte Welt. Ich habe es geschafft und das ist gerade alles, was zählt.

Impressionen aus dem Zillertal #1

Vögel im Tal

Langsam gleitet mein noch schläfriger Blick über das majestätische Panorama der wolkenverhangenen Berge im gedimmten Morgenlicht eines frischen, feuchten Tages. Ewigkeiten könnte ich nur hier sitzen und diesen Anblick in mich aufsaugen, doch dann werden meine Augen einer Bewegung gewahr, und wie Schuppen fällt es mir von den Augen – Vögel. Eine ganze Meute an Schwalben (wie ich später erfahre) hängt im Tal just unter der Wolkendecke. Wie ein Schwarm von Mücken wirken sie auf die Distanz, denn keine Ordnung ist erkennbar, wild durcheinander sprenkeln sie mit ihrem Schwarz die grau-weißen Wolken. Wie eine sanft steigende Flut überkommt mich ein Gefühl der Gelassenheit bei diesem Anblick. Denn sie mögen essen, sich paaren und natürlich auch schlafen, doch in diesem Augenblick schweben sie einfach nur am Himmel, befreit von Sorgen und Verpflichtungen, von allem, das bindet. Doch als ich dann mein Schreibmaterial auf den Balkon geholt habe, sind sie bereits verschwunden. Nein, dort in der Ferne sind noch einige wenige zu erspähen, doch auch sie sind nach wenigen Minuten entflogen. Mein Blick trifft wieder ungetrübt auf zarte Fetzen von Watte, die sich liebevoll an bewaldete Berghänge schmiegen. Wohin es diese Himmelsreiter wohl getrieben hat? Entspannt lehne ich mich zurück, blicke dem Tag entgegen und weiß tief in mir, dass dies nicht unser letztes Treffen war.



Scheue Giganten

Nun stehen wir hier auf der Spitze des Penken im Zillertal. Um uns herum weitere Berge, doch so wie wir hier in einer Regenwolke stehen, verstecken sich auch die umliegenden Giganten hinter Gewändern aus Nebeln und Wolken, verschämt und scheu wie Jungfrauen, als hätte sie sich nicht schon zuvor aller Welt präsentiert wie Camgirls. Ich möchte ihnen sagen, dass das okay ist, dass ich sie nur in all ihrer Pracht bewundern will ohne jegliche Hintergedanken von Sünde oder Verruch, doch alles, was sie mir enthüllen, sind grobe Formen und Konturen. Doch ich bin nicht enttäuscht, denn ich weiß, dass manch Sache und manch Sein seiner Zeit bedarf. Und so wenden wir uns zunächst ab und kehren ein in eine auf diesem höchsten Punkt gelegene Stätte der Gastlichkeit. In dieser konsumieren wir Kakao und Kakao mit Schuss und beobachten die Hirten dabei, wie sie ihre Kühe zusammentreiben. Und während wir trinken, genießen und die Wärme unsere durchfrorenen Knochen aufwecken lassen, geschieht das Wunder. Es klart auf. Und als wir dann baldigst aufbrechen, sehen wir die Schönheit, die uns dies beschert. Denn nun schälen sich die Berge aus ihren Kleidern, enthüllen uns Hang für Hang die atemberaubende Formvollendung ihrer Kurven und Kanten. Manche Spitze glänzt gar in der unschuldigen Pracht frischen Schnees. Es ist ein Panorama, das den Atem raubt. Sollte Gott sich in diesem Moment dazu entscheiden, mich an diesem Ort mit diesem Blick für alle Unendlichkeit zu fesseln, ich würde ihm nicht zürnen. Doch Gott fesselt uns nicht, und so ziehen wir weiter, wieder zurück zu Gondel, die uns ins Tal befördert und bald ihre letzte Fuhre fährt, und saugen links und rechts die Anblicke ein. Und auch das Gehör wird uns geschmeichelt, vom entfernten, doch so nahe Rauschen des Bergbachs einen Gipfel weiter. In etwas, das einem ästhetischen Orgasmus gefährlich nahekommt, vollenden wir unseren Weg, der uns führt durch von Kühe gelegte Minenfelder und vorbei an Stromtrassen, die wie Narben im Leibe dieser seit Urzeiten standhaft stehenden Kolosse wirken. Und für diesen einen, diesen ersten Tag mögen wir gesättigt sein, doch noch stehen uns einige Tage bevor, und dies war nur der Anfang.

Game of Thrones Staffel 7 – Ein halbherzige Review für eine halbherzige Staffel

Disclaimer: Ich habe niemals die Bücher gelesen. Das bedeutet nicht, dass ich völlig unwissend bin, was Material, dass nur in diesen vorkommt, oder Abänderungen des Plots von diesen zur Serie angeht. Aber es bedeutet, dass ich mich, wenn nicht anders angemerkt, auch wirklich nur auf die Serie beziehe – wobei diese den Plot der Bücher mittlerweile ja auch eh weit überholt hat.

Um es zunächst einmal vorwegzunehmen: Game of Thrones ist wohl meine absolut liebste (nicht animierte)-Serie der Welt. Und der Moment, an dem diese Liebe wirklich aufblühte war, wie wohl bei einigen anderen auch, als Ned Starks Kopf sich von Sean Beans Körper trennte. Eine Serie, die so bereitwillig ihren bekanntesten Schauspieler und bis zu diesem Punkt eindeutigen Protagonisten und zentrale Identifikationsfigur tötet? Mit Ned Stark zusammen starb auch meine naive Unschuld. Und das ganze zuvor aufgebaute Setting (und eigentlich hat die erste Staffel ja nichts anderes gemacht, als das Fundament des Hintergrunds zu legen und dann auf den roten Knopf zu drücken) explodierte in einen Wirbelwind aus perfiden Intrigen, grandiosen Dialogen, einprägsamen Charakteren sowie, und das ist das wichtigste, einer unglaublichen Unvorhersehbarkeit, in welcher der nächste Schlag in die Magengrube des Zuschauers immer nur einen brutalen Twist um die Ecke wartet.

Und nun Staffel 7. Ich hoffe, man mag mir den (keineswegs bösartigen und despektierlichen) Vergleich verzeihen, aber ich sehe hier weniger George R.R. Martin als J.R.R. Tolkien. Ach, ich sehe hier eigentlich gar keinen Martin mehr, sondern eigentlich nur noch David Benioff und D. B. Weiss, die vermutlich lediglich nach groben Eckpunkten von Martin arbeiten? Das ergibt tatsächlich Sinn.

Dass die Gesamthandlung so langsam, oder eher in mitunter rasenden Schritten, auf ihr Ende zusteuert, war ja vor Veröffentlichung der Staffel schon klar. Nur war das eben eine Sache, mit denen sich die vorherigen Staffel nicht abgeben mussten. Westeros (und Essos) wirkten wie ein gigantischer Sandkasten, in welchem die Charaktere kreuz und quer durch die Gegend tobten und ihre Wege sich dabei, in oft schmerzlichen Weisen, miteinander kreuzten. Aber ein Ende war noch nicht absehbar, und somit war alles möglich. Und nun zieht das Ende am Horizont heran, und leider wird vieles damit vorhersehbar. Das nimmt GoT zwar vieles von der Spannung, die erwähnte scheinbare Zufälligkeit vorher bot, doch ist an und für sich nicht das Problem. Das größte Problem, zumindest für mich, ist die scheinbar komplette Aufhebung innerer Logik für das Erzeugen billiger emotionaler Momente.

Nein, man kann einen Mann in Vollrüstung, der bereits mehrere Meter ins Wasser gesunken ist, nicht einfach wieder an die Oberfläche ziehen. Jaime und Bronn machen es trotzdem, was den dramatischen Moment des Ins-Wasser-Fallen aus der vorherigen Folge (de facto sogar das Folgenende!) völlig entwertet. Warum soll ich noch Angst um die Figuren haben, wenn diese durch die Macht des Schnitts einfach die physikalischen Gesetze dehnen, brechen oder gleich völlig ignorieren können?

In der sechsten Folge gibt es etwas ganz ähnliches, nämlich der extrem gezwungen Deus ex Machina, als Benjen Jon vor der Armee der Toten rettet und sich selbst dabei opfert. Warum gezwungen? Weil es keinen guten Grund gab. Zumindest in-universe, denn dort kommt es nur zu dieser Situation, da Jon, statt sich einfach auf den abflugbereiten Drachen zu begeben, aus nicht rational zu erklärenden Gründen lieber noch ein paar Zombies wegmetzelt, was im großen Ganzen nicht den Hauch eines Unterschieds macht, und deshalb zurückgelassen werden muss. Und da er eben Jon Snow ist wissen wir bereits, dass er sowieso nicht stirbt, und das Auftauchen Benjens stellt überhaupt keine Überraschung da. Zumal er ja schon eine Staffel zuvor einmal aus dem Nichts aufgetaucht ist, um einen hinter der Mauer gestrandeten Stark zu retten. Damals war es noch völlig unerwartet (bzw. doch einigermaßen erwartbar, wenn man der entsprechenden Figur in den Büchern bewusst war) und funktionierte deshalb. Als wirkliche Begründung, dass es jetzt nochmal so passiert, kann ich mir nur herführen, dass für Benjen eben kein Platz in der Handlung mehr ist und man ihn so eben schnell noch aus der Serie befördern wollte. Und um vielleicht doch noch ein paar Vollidioten glauben zu machen, Jon könnte jetzt sterben. Und bevor ich es vergesse, wir sprechen am besten gar nicht vom Marathonläufer Gendry und Raben und Drachen, die mit Überschallgeschwindigkeit fliegen. Traveling at the speed of plot, indeed.

Auch mit vielen der einzelnen Plots habe ich so meine Probleme. Besonders Winterfell. Schön und gut, Petyr „Littlerfinger“ Baelish wird mit seinen eigenen Waffen geschlagen und bekommt endlich seinen lang verdienten Tod serviert. Doch musste ich dafür wirklich erst durch den ganzen Sansa vs. Arya-Schwachsinn sitzen? Hätte man das nicht auch eleganter abhandeln können und somit mehr Zeit für interessantere Handlungsstränge haben können? Und überhaupt, warum denn nur sieben Folgen, statt wie zuvor immer zehn? Und dann halt so nerviger Scheiß.

Das Problem an der neuen Staffel ist nicht, dass sie an und für sich gesehen schlecht ist. Das Problem ist, dass es eben die siebte Staffel von Game of fucking Thrones ist, einer Serie, von der ich deutlich mehr erwarte. Selbst, wenn ich mir das meiste aus den Fingern saugen sollte (was ich nicht tue), dann ist es alleine schon bezeichnend, dass mir bei dieser Staffel halt all die Fehler, Ungereimtheiten und faulen Narrative auffallen. Und es mag pervers klingen, doch alleine der Bodycount an benannten und bedeutsamen Charakteren ist lächerlich gering, zu einer Zeit, die den Krieg der fünf Könige wie einen entspannten Waldspaziergang aussehen lässt. Dazu haufenweise Idiotie, die sich für mich nur durch Überlegungen der Storywriter, nicht aber der Charaktere erklären lassen, sowie insgesamt einfach zu wenig an reinem Zeitaufwand, der dann wie hier aufgeführt verspielt wird. Da mögen die Visuals auch noch so beeindruckend sein, ich persönlich merke doch stark, dass nicht mehr Martin für große Teile der Geschichte verantwortlich ist. Man kann nur hoffen, dass aus den Fehlern gelernt wird und dieses Epos nächstes Jahr doch noch zu einem verdienten Ende geführt wird.

Potsdam

Das ist er nun also. Mein vorerst letzter Besuch in Potsdam, wo ich nun fast ein Jahr lang an der örtlichen Universität Geschichte und Religionswissenschaft studiert habe. Nun habe ich die Gelegenheit erhalten, an die Humboldt-Universität in Berlin zu wechseln, und werde diese verständlicherweise auch wahrnehmen. Heute verschlug es mich noch einmal hierhin, hinter die sagenumwobene Stadtgrenze Berlins, um einerseits meine letzten Leihgaben der Bibliothek wieder zurückzugeben, und andererseits um sicherzustellen, dass mein Exmatrikulationsantrag zeitig passend bearbeitet wird, so dass ich die entsprechende Bescheinigung, zusammen mit allen anderen so von mir erwarteten Unterlagen, bei der HU einreichen kann, wofür ich nur noch wenige Tage habe. Nach lediglich einer Stunde Wartezeit, bedingt durch die äußert sparsamen Öffnungszeiten des Studierendensekretariats, in denen sich dann natürlich alle Anliegenhaber zusammendrängen, wurde mir dann mitgeteilt dass der von mir eingeschickte Antrag gestern bearbeitet wurde und die Bescheinigung sich heute oder morgen in meinem Briefkasten befinden wird. Da hat sich das Warten ja echt gelohnt, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht, gell?

Und nun sitze ich unter einem nettem, nicht ganz so kleinen Bäumchen in den Parkanlagen Sanssoucis, oder des neuen Palais, oder wie auch immer die exakt miteinander verbunden sind, und reminisziere über das vergangene Jahr.

Auch hier in Potsdam hatte ich wieder mit dem Problem zu kämpfen, dass ich doch ein recht scheuer Mensch bin. An und für sich ist das ja kein Problem und ein Fakt, den ich schon lange akzeptiert habe, nur gestaltet er das Kennenlernen neuer Leute, an dem ich prinzipiell trotz meiner Meinung, dass mindestens 90% der Menschen eh uninteressant sind, doch interessiert bin, also interessiert an eben jenen interessanten 10%, jedenfalls gestaltet es mir das Kennenlernen dieser Leute eben nicht sonderlich einfach. An der HU wird das hoffentlich entgegen den erwartbaren Erwartungen anders verlaufen, denn hier in Potsdam bin ich nur einem einzigen Mitstudenten, einem kettenrauchenden, christlichen Ex-Hip-Hoper und ebenfalls Geschichtsstudenten etwas nähergekommen, aber auch nur auf platonischer Basis, eine dauerhafte Freundschaft ist da nicht herangereift.

Im Gegensatz zu mir ist er auch jemand, der sich sehr für Geschichte begeistern kann, wohingegen mich dieser Themenkomplex doch weitaus mehr mit Desinteresse füllt, als ich ursprünglich vermutet hatte. Genau entgegengesetzt ist es mit der Religionswissenschaft, die weit fesselnder als ursprünglich vermutet war. Hätte ich auch weitergemacht, wird jetzt nichts draus, auch egal. Wobei ich sogar die Chance hätte, einfach Geschichte zu Germanistik zu wechseln und in Potsdam zu bleiben, aber der Ruf Berlins ist dann doch zu verführerisch, genau wie der Ruf von Germanistik hoch 2 aka „Deutsche Literatur“ und „Germanistische Linguistik“. Ich weiß, ich beginne mich zu wiederholen in Bezug auf randomshit #6, aber das ist unvermeidbar bei zwei spontan an zwei aufeinanderfolgenden Tagen herunter geschriebenen, mein Leben betreffenden Texten. Beschwerden werden bitte über meinen Buckel herunter an meinen haarigen Arsch gerichtet, kostenloses Klopapier ist doch immer eine feine Sache.

Was habe ich sonst noch aus Potsdam mitgenommen? Der Poetry Slam des Geschichtsstudiengangs war eine schöne Erfahrung und wieder ein Schritt auf dem Weg zur vollständigen Bezwingung des durchaus noch vorhandenen Lampenfiebers. Und zur Erkenntnis, das solche Slams und besonders die teilnehmenden Slammer sich und ihren Weltverbesserungshippieismus viel zu ernst nehmen. Na gut, eigentlich war nur die Organisatorin des Abends ein bisschen schwach und abgedroschen, was ihre organisatorische Leistung natürlich nicht mindert, der Rest ging klar. Bisschen was witziges in Jugendsprech, bisschen was assoziatives und etwas ernstes, aber gut und persönlich geschriebenes für die Völkerverständigung. Und ich dann mitten rein mit einem Text über das Schreiben jenes Textes, sehr randomshitty und letztendlich völlig belangloses Sprachgewichse. Kam aber wohl ganz gut an.

Und viel mehr habe ich zu meiner Zeit hier auch nicht zu sagen. Die andauernden langen Fahrten werde ich garantiert nicht vermissen. Potsdam an und für sich auch nicht, denn die Stadt selber habe ich bis auf jenen Slamabend auch überhaupt nicht erschlossen. Warum auch, wenn man in fucking Berlin wohnt. Die Erkenntnis, dass es im Lehrstuhl, wie in der Schule auch, eben solche und solche gibt, vielfältig und folglich auch lehrgeeignet wie das Spektrum menschlicher Persönlichkeit eben ist, ist, da wie angedeutet bereits in der Schule erhalten, auch nicht neu und sowieso völlig offensichtlich. Ich habe gelernt, dass mir wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben gar nicht so sehr liegt, was natürlich noch problematisch werden kann, allerdings habe ich auch nicht wirklich viel gemacht, um ehrlich zu sein.

Die Gebäude werde ich am ehesten vermissen. Also weniger jene, in denen die Uni selber untergebracht ist, als jene eindrucksvolle umstehende, das Palais selber und sein vorgelagerter Torbogen, oder was auch immer der Zweck dieser Konstruktion sein soll. Mich überraschen doch immer wieder die unzähligen Verzierungen, die angebrachten Statuen und Gesichter, sowie auch einfach die schlicht Erhabenheit. Sicher, ein Wolkenkratzer ist weitaus höher, doch kommt er in keinster Weise an die mächtige Eleganz solcher alter Bauwerke heran. Auch wenn diese Gebäude ja nur den reichsten und mächtigsten damals gehörten und der bauliche Durchschnitt, in dem die restliche Bevölkerung zu verweilen gezwungen war, wohl ein ganz anderes Qualitätsniveau hatte, bei dem wir doch dem allgemeinen technischen Fortschritt, den die Zeit so mit sich bringt, dankbar sein können. Zumindest hier in unserer reichen, westlichen 1. Welt-Nation. In einem afrikanischen Township sehen die Einwohner das wohl etwas anders.

Nun geht es aber zurück nach Berlin. Und so schnell werde ich auch nicht wieder nach Potsdam kommen. Ein Jahr reicht vorerst.

Randomshit #6 – Von Schockzuständen, Psychopathen und anderweitigem

Um es gleich mal vorwegzunehmen: Dieser Randomshit hat einen traurig-traumatischen, erst wenige Stunden zurückliegenden Anlass. Der Vollständigkeit halber sollte ich aber zunächst noch erwähnen, dass ich bereits letzte Woche einen „Randomshit #6“ geschrieben habe, diesen dann allerdings nicht wirklich beendet habe, unter anderem auch, weil ich ihn sowieso etwas schlecht fand.

Nun aber zu heute. Heute ist wohl einer dieser Tage. Nein, nicht wohl, heute ist einer dieser Tage. Eigentlich hat er ganz ruhig angefangen, ich bin gegen halb 9 aufgestanden, habe in Ruhe gefrühstückt und etwas gelesen, und dann ging es nach einem Abstecher bei der Bank zur Fahrstunde. Für den Kontext, ich habe bereits alle Pflichtstunden „ab“gefahren und die Prüfung ist für nächste Woche angesetzt. Und ein Profi wird wohl nie aus mir werden, aber mittlerweile läuft es doch ganz anständig mit dem Fahren.

Heute habe ich aber das erste Mal wirklich etwas angefahren. Und dieses etwas war irgendeine Art Greifvogel, ein Adler, Falke, Habicht oder was auch immer. Wir fuhren gerade auf der Albrechtstraße von Rathaus Steglitz kommend in Richtung meiner alten Schule, der HES. Ich ordne mich vom linken Streifen wieder in den rechten ein, und da sitzt er einfach am Straßenrand, perfekt am Bordstein. Und ich denke noch: Oh, das könnte irgendwie knapp werden, und auf einmal fliegt das Genie los. Bamm, voll gegen den rechten Autorand geklatscht. Außer ein paar fliegenden Federn habe ich leider nichts genau gesehen, und instinktiv bin ich einfach weitergefahren. Ja, ich hätte wohl anhalten sollen und nachgucken, wie es dem (oder der) Guten geht, aber ich bin einfach weitergefahren.

Das schärfste ist aber die Reaktion meines Fahrlehrers. Bzw. das Fehlen jedweder. Kein einziges Wort zu dem Vorfall, weder dann, noch später, als wir mal wieder einen Zwischenstopp bei der DEKRA machen. Ich selber habe das Thema auch nicht angesprochen, da ich a) sowieso mit meinem Schock beschäftigt war, und b) mittlerweile eh wenig Bock auf meinen Fahrlehrer habe (in besagter erster Version von „randomshit #6 hatte ich mich in eine kleine Beschimpfungswelle gegen diesen alten Herren gesteigert. Ich denke mal, ich werde diese postscriptal noch anhängen, weil sie mir einfach so gut gefällt). Dennoch, diese absolute Nullreaktion verwundert und verstört mich doch. Ich meine, schon alleine von nem pädagogischen Standpunkt aus. Dass er, was Autofahren angeht, ein Fell von der Dicke dessen eines Mammuts hat, ist mir ja klar. Aber fuck, ich eben nicht. Hätte ich den Zusammenstoß verhindern können? Ja, wahrscheinlich, oder bestimmt, aber es ist ja auch nicht so, als dass ich ihn mir gewünscht hätte. Warum ist das dumme Vieh losgeflogen? Wäre er sitzen geblieben, wäre alles gut gewesen. Und lebt er noch? Keine Ahnung, und diese Ungewissheit macht die Lage auch nicht besser. Hätte ich anhalten sollen? Wenn nicht vom rechtlichen Standpunkt aus, dann doch wenigstens vom moralischen her. Aber nein, der alte Sack schweigt. Und wenn er schweigt, dann ist ja alles richtig. Fuck.

Naja, was soll man jetzt, ca. zweieinhalb Stunden später, sagen? Nen Trauma wird das nicht, aber doch für ne Weile im Kopf bleiben. Wäre schöner, wenn es nicht passiert wäre, aber gerade in letzter Zeit habe ich mir doch das Mindset angeeignet, dass jede Erfahrung bereichernd ist, egal ob sie als positiv oder negativ klassifizierbar ist.

Damit wollen wir das Thema erst einmal ruhen lassen. Danach war ich noch beim Bürgeramt für ne beglaubigte Zeugniskopie (tschüss Potsdam, hallo HU), wo ich noch feststellte, dass ich meine EC-Karte im Automaten vergessen hatte. Zum Glück wurde diese aber direkt abgegeben, und fünf Minuten nach der Wiederbeschaffung saß ich dann am Laptop, wo ich mich für euch mehr oder minder, für mich aber klar offensichtlich immer noch befinde. Dennoch genug schlechte Überraschungen für einen Tag.

Was gibt es sonst noch so? Zunächst möchte ich mich dafür entschuldigen, dass es in letzter Zeit wieder etwas katatonisch mit meinem Blog vonstatten ging. Ich war mit meinem Kopf einfach bei anderen Sachen. Ich denke aber, dass es in nächster Zeit wieder etwas mehr gibt, ich habe noch ein paar Ideen, einige schon angeschrieben, andere noch rein im Kopf.

Seit drei Wochen habe ich nicht mehr geraucht. Also, keinen nikotinhaltigen Tabak, Weed sowieso noch (auch wenn der Konsum dort ebenfalls zurückgegangen ist) und als kleines Hilfsmittel zur Überbrückung sogenannten Knaster, nicht ganz genau definierbares Zeug zwischen Kräutermischung (offiziell) und sehr grobkörnigem (oder was auch immer das grob-Äquivalent bei Tabak ist) Pseudotabak (praktisch) und nebenbei bemerkt auch ziemlich scheiße schmeckend.

Wie auch schon angesprochen habe ich jetzt die Möglichkeit, von der Uni Potsdam zur Humboldt Uni zu wechseln, und soweit die Tage alles mit meiner Exmatrikulation klappt, werde ich diese auch wahrnehmen. Fächer sind „Deutsche Literatur“ und „Germanistische Linguistik“, also einmal die volle Dosis Alman. Hab ich schon hart Bock drauf.

Das wäre dann soweit alles, was ich aktuell mit euch teilen möchte. Ich lasse dies jetzt noch ne Weile ziehen, mir fällt locker nachher noch was ein.

Nope, nicht wirklich. Deshalb entlasse ich euch jetzt, veröffentliche dies mein Werk noch und arbeite dann noch etwas an anderen Sachen weiter. Also bis zum nächsten Mal und farewell, Solenya.

P.S.: Hier noch die versprochende Tirade bzw. einfach der gesamte relevante Absatz aus dem ersten Entwurf:

Wieder eine Hürde vor dem Führerschein genommen. Und was für eine. Das Universum fand es nämlich witzig, genau dann einen der gigantischsten Regengüsse überhaupt genau dann zu entfesseln, als ich mich aus der Haustür begeben habe. Die Berliner Portion der Wegstrecke war dementsprechend geflutet und von spritzenden Fontänen und umgestürzten Bäumen begleitet. Im Umland legte sich der Niederschlag dann auf ein akzeptables Maß und darunter, und bis auf ein kleine Meinungsverschiedenheit mit meinem Fahrlehrer darüber ob er nicht das Radio ausmachen kann, was zu dem Moment sehr ablenkte (nein, kann er nicht, es könnte ja ne Durchsage kommen und außerdem fahre ich ja mit den Augen und nicht den Ohren, aber Leisermachen geht irgendwie auch nicht und es gibt nichts was mich mehr aufregt als beschissene RTL-Popmusik und verkackt noch eins nicht ernst genommen zu werden. Spast, du sollst ja auch nicht fahren lernen, sondern ich, und ich weiß wohl besser, wie ich mich besser konzentrieren kann. Rainer ist übrigens sein Name, von der Fahrschule Fürst, das will ich nur kurz noch erwähnen, denn wenn er in Rente geht, dann will er noch eben mal nen Buch schreiben über seine Zeit als Fahrlehrer, der Bastard, und natürlich bekommen alle neue Namen, außer der einen Schlampe, die ihn so begeistert hat, irgendwas adlig klingendes, von-und-zu Arschpimmelfotzingen oder so, und wenn die ihn dann verklagt ist es ihm auch egal weil nach Zustimmung zur Namensnennung fragt er vorher eh nicht, also frag ich den Hurensohn, der sich nen Schinken-Käse-Brötchen kauft, nur um Schinken und Käse abzupulen und das Brötchen liegen zu lassen, auch nicht um seine Zustimmung, um hier von mir beleidigt zu werden. Pisser.) verlief die restliche Fahrt auch ganz anständig.